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Stefan Hördler: Zur Auflösung rassistischer Grundlagen im KZ-System.

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Im Gegensatz zur weitläufigen Forschungsmeinung, wonach das KZ-System genuin rassistisch aufgebaut war, lassen sich ab der zweiten Kriegshälfte eine systematische Nivellierung der rassistischen Strukturen und eine utilitaristisch-zweckorientierte Neuordnung aufzeigen. Drei Hauptursachen waren dafür handlungsleitend und bedingten einander: erstens das Primat der Rüstungsproduktion und der Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen, zweitens das „Raumproblem“ infolge Reduzierung der verfügbaren Hauptlager bei gleichzeitiger Erhöhung der Häftlingszahlen und drittens die Strukturangleichung im KZ-System als Synthese aus beiden Faktoren.

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Im Januar 1945 wurde SS-Gruppenführer Richard Glücks, Chef der Amtsgruppe D (1939 bis 1942 Inspekteur der Konzentrationslager) im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (SS-WVHA), für die Verleihung des Deutschen Kreuzes in Silber vorgeschlagen. Die Begründung listete die Verdienste auf, welche eine der höchsten Auszeichnungen im nationalsozialistischen Deutschland rechtfertigen sollte. Dazu gehörten die militärische und disziplinarische Führung von 40.000 Männern, die in den SS-Bewachungsmannschaften zusammengeschlossen waren, sowie die Verantwortung für 15 Konzentrationslager und 500 Außenlager mit angeblich 750.000 Gefangenen. 1 In weniger als einem Jahr hatte sich die Zahl der Insassen mehr als verdoppelt. Nachdem das SS-WVHA im März 1944 22 Hauptlager mit 165 Außenlagern und etwa 300.000 Häftlingen verzeichnet hatte, 2 waren es im August 1944 schon 524.000 Häftlinge. 3 Mehr als 250.000 der nachweislich über 700.000 im Januar 1945 registrierten KZ-Häftlinge überlebten die Befreiung der Lager nicht.

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Trotz dieser hohen Todesrate 1945 sind Desorganisation, Willkür und Rassenwahn keine Attribute, mit denen sich das KZ-System im letzten Kriegsjahr zutreffend beschreiben lässt. Stattdessen bestimmte ein pragmatisches Ordnungsbedürfnis der SS die Anweisungen und Praxis in den Lagern. Zwei Ansprüche galt es dabei zu vereinen: erstens eine ab März 1944 von außen (z.B. Albert Speer) herangetragene forcierte Ökonomisierung und zweitens eine von innen (Lager-SS) geforderte Stabilisierung des Lagersystems. Die beschleunigte Erhöhung der Häftlingszahlen konnte ein an allen Kriegsfronten schrumpfendes und durch Raum- und Ressourcenknappheit geprägtes Lagersystem kaum noch verkraften. Ökonomisierung wie Stabilisierung machten eine kurzfristige Reorganisation des KZ-Systems unumgänglich. Zur Analyse beider Dimensionen wird hier der Begriff der Rationalisierung eingeführt, der gleichermaßen die personellen und strukturellen Veränderungen im Rahmen der Expansion und der Reduktion des Lagerkosmos berücksichtigt. Eine dritte Komponente ab Mai 1944 bildete die Ermordung der europäischen Juden, die mit der „Ungarn-Aktion“ in Auschwitz einen letzten tragischen Höhepunkt erreichte. Trotz der Unvereinbarkeit von kriegswirtschaftlicher Ökonomisierung der Häftlingsarbeitskraft – im August 1944 war noch die Erhöhung der Gefangenenzahlen auf 1.136.000 Frauen und Männer geplant 4 – und der Stabilisierung eines zunehmend überlasteten Lagersystems zeichneten sich die für die Ermordung von 350.000 ungarischen Juden notwendigen Umgestaltungen in Auschwitz durch nüchterne, flexible und effiziente Steuerungsmechanismen aus. Eine zweckrationale Komponente besaß der Judenmord für das KZ-System und das SS-WVHA aber nicht. 5

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In gewissem Umfang bestanden Parallelen zwischen der Vorkriegs- und der Endphase der Konzentrationslager. Ein derartiger Vergleich ist bislang noch nicht geleistet worden, lässt sich aber an mehreren Schlüsselbegriffen exemplifizieren. In beiden Phasen dienten die Lager den machtkumulativen Interessen der SS. Von 1935 bis 1939 fungierte das KZ-System als Standortnetz für den Aufbau der bewaffneten SS-Totenkopfverbände und einer SS-Division als neuen Waffenträgern neben der Wehrmacht. Oberste Priorität besaß die militärische Ausbildung junger SS-Kader und weniger die Bewachung der Häftlinge. Struktur- und Personalentscheidungen ordneten sich diesen Prämissen unter. 6 Ideologie erwies sich in diesem Kontext als flexible Größe, der KZ-Apparat rangierte mitunter als Mittel zum Zweck. Galt es in der Vorkriegszeit, die Interessen und die Machtstellung der SS gegenüber der Wehrmacht und der Justiz durchzusetzen, versuchte die SS im letzten Kriegsjahr, sich gegenüber dem übermächtigen Albert Speer zu behaupten und in das rüstungs- und kriegswirtschaftliche Entscheidungszentrum vorzudringen. In beiden Phasen diente der Ausbau des KZ-Systems der Macht- und Kompetenzerweiterung der SS. Selbst die Dynamiken des Holocaust spiegelten diese Entwicklung wider, als Heinrich Himmler im Mai 1944 den Arbeitseinsatz von 200.000 Juden im „judenfreien“ Reichsgebiet anordnete, um seine Position als Juniorpartner in der Rüstungswirtschaft zu stärken. Insofern passten sich Gewalt und Mord in den Lagern den jeweiligen Erfordernissen an. Der Ausbau der Statistik im SS-WVHA überwachte den Prozess und rationalisierte in diesem Sinne sogar die Tötung von Menschen. 7 Kriegswirtschaftliche Mobilisierung und Arbeitskräftemangel zogen 1944 einen veränderten Stellenwert der Häftlinge und eine Prioritätenverschiebung in der – zumindest formalisierten – Häftlingsbehandlung nach sich. Es ist daher zu fragen, ob und inwiefern der Arbeitswert und Nutzen eines Häftlings rassistische Kategorien verdrängten und über dessen Bedeutung für die SS – etwa in der Unterscheidung von sogenannten Bau- und Fertigungshäftlingen – entschieden. Wie weit kam diesen Bestrebungen eine verstärkte Selektion der Gefangenen nach utilitaristischen Aspekten – also die Sortierung nach Gesundheitszustand, Arbeitsfähigkeit und beruflicher Qualifikation – entgegen? Wer waren die Akteure? Ob eine rassistische oder auf den Nutzen ausgerichtete Auslese hierbei an Bedeutung verlor oder gewann, ist eine zentrale Frage dieses Beitrages.

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Reorganisation des KZ-System 1944

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Eine wichtige Zäsur bildete bereits 1942 die Einbettung der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) als Amtsgruppe D in das neue gegründete SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt. Unter Regie des SS-WVHA setzten bis Frühjahr 1943 die umfangreichsten und rein utilitaristisch motivierten Bemühungen der SS ein, die Verhältnisse in den Lagern zu bessern und die Sterblichkeit zugunsten des verstärkten Häftlingseinsatzes in der Rüstungsindustrie zu senken. Zugleich entstanden zahlreiche Außenlager an den Produktionsstandorten der Rüstungsindustrie. Nach den gezielten alliierten Bombenangriffen auf deutsche Rüstungszentren Anfang 1944 und der Gründung interministerieller Sonderstäbe zur sicheren Verlagerung der Rüstungsindustrie explodierte das System der Außenlager. Die Hauptlager verloren sukzessive an Bedeutung. Das vorletzte Lager, das den Status eines eigenständigen Konzentrationslagers erhielt, war das KZ Mittelbau mit den Untertageverlagerungen zur Raketen-Produktion im Harz. Das Außenlager des KZ Buchenwald wurde im Oktober 1944 den übrigen Hauptlagern gleichgestellt. 8 Das von November 1944 bis Januar 1945 selbständige Lager „S III“ Ohrdruf (Baustelle „Führerhauptquartier“) wurde indes als Außenlager dem KZ Buchenwald unterstellt. Nur zehn Hauptlager existierten noch im April/Mai 1945.

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Parallel zur kriegsbedingten Räumung der KZ Kauen, Riga und Vaivara im Baltikum, der Lager Lublin, Warschau und Heidelager/Debica in Polen, des KZ Herzogenbusch in den Niederlanden und der Evakuierung des KZ Natzweiler im Elsass ab Sommer 1944 erfolgte eine Umstrukturierung, Neuformierung und Funktionsanpassung in den übrigen Lagern. Zu den ersten Veränderungen gehörte die Bestimmung Stutthofs als Auffanglager für die aufgelösten KZ im Osten. Das Lager wirkte daher als Mediator in einer Entwicklung, die als Rationalisierung des KZ-Systems im letzten Kriegsjahr beschrieben werden kann. Die Rolle des Mediators beinhaltete in diesem Zusammenhang sowohl die Umschichtung von Häftlingen und SS-Personal im KZ-System als auch eine Experimentierfunktion im Umgang mit Überfüllung und Unterversorgung. Der Krankenmord im KZ Stutthof ab Sommer 1944 war ein wesentlicher Bestandteil der „Problembeseitigung“; die hierbei gewonnenen Einsichten beeinflussten in den Folgemonaten die Abläufe und Handlungsmuster in den übrigen Lagern.

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Bis Anfang 1945 transformierten sich die verbliebenen Hauptlager endgültig zu Auffanglagern für kranke und ausgezehrte Häftlinge. Hinzu kam für die Monate Januar bis März 1945 die zweite Welle der Evakuierungstransporte. Hierbei handelte es sich hauptsächlich um Häftlinge aus den KZ Auschwitz, Groß-Rosen und Stutthof. Parallel stieg die Todesrate durch planmäßige Massentötungen und Vernichtung durch Unterlassung signifikant an. Ein Synonym für die apokalyptischen Zustände in den Lagern wurde das sogenannte Aufenthaltslager Bergen-Belsen. In anderen KZ erreichte die Todesrate in dieser Zeit ebenfalls den Höchststand in der Lagergeschichte. Besonders in den KZ Mauthausen, Ravensbrück, Sachsenhausen und Stutthof startete die SS ab 1944 systematische Tötungsaktionen.

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Die Massentötungen im letzten Kriegsjahr und besonders der Krankenmord bildeten aus Sicht der SS ein stabilisierendes Element. Es dominierte ein Ordnungs- und Sicherheitsbedürfnis der SS, das den Erhalt des Lagersystems bis zum Selbstzweck suggerierte; das Inferno seitens der Gefangenen war demgegenüber ein in Kauf genommener und kalkulierter Preis für die Aufrechterhaltung der Kontroll- und Funktionsfähigkeit des KZ-Kosmos. Die Tötung von Schwer- und Seuchenkranken sowie von längerfristig Arbeitsunfähigen war aus Sicht der SS notwendig, um den drohenden Kollaps der Lager abzuwenden. Der selektive Mord unterstützte damit die Perpetuierung eines Ausnahmezustandes, der mit den Lagerauflösungen im Baltikum 1944 begonnen hatte. Oberste Priorität besaß – trotz des Widerspruchs zwischen forciertem Ausbau des KZ-Systems bei gleichzeitig schwindenden Ressourcen – die Lagerbeherrschung.

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Zentrale Argumente für den Krankenmord waren der Gnadentod und der Schutz vor Epidemien, eine Erklärung, die angesichts der Reaktionen in Stutthof und in Ravensbrück durchaus glaubhaft erscheint. Von einer primär rassistischen Komponente war keine Rede, stattdessen unterteilten sich die Selektionskategorien ab 1944 lagerübergreifend in drei Gruppen: tauglich, bedingt tauglich und ungeeignet. 9 Dies darf aber nicht vergessen machen, dass während der „Ungarn-Aktion“ 1944 der größte Teil der jüdischen Gefangenen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz im Rahmen der „Endlösung“ ermordet wurde. An dieser Stelle kulminierten die Interessen der RSHA-Führung einerseits und das Selbsterhaltungsprimat der SS im KZ Auschwitz andererseits, das mit der Aufnahme weiterer Gefangener an seine räumlichen und personellen Grenzen kam. Zur Aufhebung des Paradoxons von forciertem Judenmord und intensiviertem Arbeitseinsatz wurden die ungarischen Juden nach der Entscheidung Himmlers vom Juni 1944 direkt in das Reichsinnere deportiert. Im Gegensatz zu Auschwitz wurde der Großteil unmittelbar zur Rüstungsproduktion in die Außenlager weitergeleitet.

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Vom „Notstand“ durch Überfüllung, Raumnot und hohen Krankenstand betroffen waren vor allem die norddeutschen KZ wie Ravensbrück und Stutthof, die sich zu Auffang- und Durchgangslagern für arbeitsunfähige Häftlinge entwickelten, aber durch ihre geografische Lage und fehlenden unterirdischen Werke kaum noch über nennenswerte Produktionsstandorte in den Außenlagern verfügten. 10 Infolge des verstärkten Häftlingseinsatzes und der Etablierung neuer Verwaltungsstrukturen ab März 1944 entstand ein Nord-Süd-Gefälle innerhalb des KZ-Systems, dessen deutlichster Ausdruck die Aufteilung der Verlagerungsprojekte und die geschaffenen SS-Sonderstäbe und Sonderinspektionen waren. Weiterhin sorgte die Beseitigung des Monopols des KZ Ravensbrück über weibliche Häftlinge ab September 1944 für eine Verstärkung dieses Gefälles. Das System der Rücküberstellungen von kranken, erschöpften und schwangeren Frauen nach Ravensbrück und Bergen-Belsen führte zur „Überlastung“ dieser Hauptlager, was abermals die Kluft zwischen den Nord- und Südlagern zuspitzte, den rüstungspolitischen Bedeutungsverlust manifestierte und letztlich mörderische Konsequenzen für die Gefangenen nach sich zog. Ex causa stellten diese Interdependenzen zwischen neuer Flexibilität und strukturellen Zwängen „hausgemachte“ systeminhärente Probleme dar. Die SS reagierte – wie in anderen Zusammenhängen auch – mit gezielten Tötungsaktionen.

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Zur Eskalation und Entscheidung für den systematischen Krankenmord, der mit einer Neuauflage der „Aktion 14 f 13“ (Euthanasie) einherging und sich am Gesundheitszustand und nicht an der „Rasse“ orientierte, trug der Vernichtungsstopp in Auschwitz im November 1944 bei. 11 Der Abbruch der Krematorien und der Stillstand der Vernichtungstransporte nach Auschwitz brachten die übrigen Lager in Bedrängnis. Noch im August 1944 war von Glücks angeordnet worden, alle kranken jüdischen Häftlinge nach Birkenau abzuschieben. 12 Mit dem Wegfall dieser Option suchte die SS nach Alternativen, um dem drohenden Kollaps der Lager entgegenzusteuern. 13 Die kurzfristige Etablierung von Sterbezonen war dabei nur von temporärer Wirkung. Das Eintreffen der Räumungstransporte aus anderen KZ und die Rückführungen der eigenen Außenlager spitzten die Lage dermaßen zu, dass ab 1944 vor allem in Stutthof, Ravensbrück und Mauthausen, ab 1945 aber auch in Sachsenhausen und Buchenwald gezielte Mordaktionen einsetzten, denen in diesen Lagern (ohne Hartheim) mindestens 18.700 vornehmlich Kranke und Arbeitsunfähige – weitgehend unabhängig von Religion, Nation, Ethnie und Geschlecht – zum Opfer fielen.

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Aufhebung rassistischer Selektionskriterien von KZ-Häftlingen 1944

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„Der grösste Teil dieser Häftlinge dürfte für einen Arbeitseinsatz nicht mehr in Frage kommen.“ 14 Mit dieser Einschätzung kategorisierte der SS-Standortarzt des KZ Buchenwald, Gerhard Schiedlausky, im Septemberbericht 1944 etwa 1.600 rücküberstellte jüdische Häftlinge aus den Außenlagern „Wille“ in Tröglitz und Rehmsdorf bei Zeitz (Brabag) sowie „Magda“ in Magdeburg-Rothensee (Brabag). Die über 5.000 Gefangenen in „Wille“ waren von Juni bis Dezember 1944 in einem Zeltlager in Tröglitz untergebracht, bevor sie ab Neujahr 1945 ein neues Barackenlager in Rehmsdorf bezogen. Unter ihnen befand sich auch der junge Imre Kertész, sein autobiographischer „Roman eines Schicksallosen“ basiert zum Teil auf Szenen aus Tröglitz. 15 Die Krankenrate und Sterblichkeit waren sehr hoch; im Januar 1945 galten – trotz Rücküberstellungen nach Buchenwald – circa 63 Prozent der Häftlinge als arbeitsunfähig. Rückverlegte Gefangene wurden meist nach Auschwitz weitertransportiert und dort ermordet. Von 8.572 registrierten Häftlingen, die zwischen Juni 1944 und März 1945 von Buchenwald nach „Wille“ verlegt wurden, schickte die SS 3.434 zurück. Insgesamt starben 5.871 Häftlinge des Außenlagers „Wille“ (die nach Auschwitz und in andere Lager deportierten Kranken und Arbeitsunfähigen eingerechnet). 16

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Der Befehl, arbeitsunfähige jüdische Häftlinge aus allen Lagern nach Auschwitz zu deportieren, war am 24. August 1944 vom Chef der Amtsgruppe D im SS-WVHA, Richard Glücks, an alle Lagerkommandanten ausgegeben worden. Für die Weiterleitung der Order an die für die Selektionen zuständigen SS-Standort- und Lagerärzte sorgte der Amtschef D III (Sanitätswesen) Enno Lolling. 17 Von dieser Verfügung, die einem Todesurteil gleichkam, waren auch die am 27. September 1944 rücküberstellten Häftlinge aus Magdeburg-Rothensee betroffen. 18 Aus der Gruppe von 525 kranken und geschwächten Häftlingen wählte das medizinische SS-Personal in Buchenwald 388 Personen aus und schickte sie am 3. Oktober 1944 nach Auschwitz. Der Sammeltransport umfasste 1.188 arbeitsunfähige Häftlinge, von denen die Mehrzahl kurz nach ihrer Ankunft am 5. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Es war der größte Vernichtungstransport des KZ Buchenwald. 19 Von den 2.172 jüdischen Gefangenen des Außenlagers „Magda“ starben mindestens 550 weitere in Magdeburg. Darüber hinaus transportierte die SS 1.151 Häftlinge, die als arbeitsunfähig ausgesondert worden waren, bis Dezember 1944 zurück nach Buchenwald, nach Auschwitz oder nach Bergen-Belsen. So ging am 29. Dezember 1944 ein Transport mit 401 arbeitsunfähigen Häftlingen des Außenlagers Magdeburg-Rothensee nach Bergen-Belsen. Über 800 der 1.151 rücküberstellten Häftlinge kamen ums Leben. 20

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Im Hinblick auf die ursächlichen Zusammenhänge der Selektionsabläufe interessieren besonders die Mechanismen der Rücküberstellungen von Kranken und Arbeitsunfähigen, die – wie am Beispiel der Außenlager „Magda“ und „Wille“ aufgeworfen – einer gewissen Systematik und Regelmäßigkeit folgten. Sie waren unmittelbar mit den Massentötungen im letzten Kriegsjahr verbunden, da die rücküberstellten Häftlinge zur primären Opfergruppe, ob durch systematische Unterlassung oder durch gezielte Tötungen, gehörten. Daneben wird der Blick auf die Akteure der Selektionen gerichtet, die sich eines definierten und abgestuften Kriterienkataloges zur „Ausmusterung von Häftlingen“ 21 bedienten. Eine bislang weitgehend unbeachtete Gruppe stellen in diesem Zusammenhang die Vertreter und Mitarbeiter der Privatwirtschaft dar, die sich über ihre Kompetenzen hinaus ebenfalls an der Aussonderung beteiligten. Während die SS ihr Augenmerk auf die Kranken und Arbeitsunfähigen richtete, die aus ihrer Sicht „den Häftlingskrankenbau stark belasten“, 14 standen für die Privatfirmen fachliche Eignung und Arbeitsfähigkeit der Häftlinge im Rahmen ihrer Produktionspalette im Vordergrund. Beide Typen werden mit den Begriffen der „negativen“ und der „positiven“ Selektion eingeführt. Obwohl das Resultat für die Häftlinge gleich war, existierten dennoch erhebliche Unterschiede in der Organisation und Praxis beider Selektionsformen.

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„Negative Selektion“

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Die Selektionen wurden in Zusammenarbeit zwischen der medizinischen Abteilung und der Abteilung Arbeitseinsatz durchgeführt. Im Hauptlager übernahmen meist die SS-Lagerärzte, der Arbeitseinsatzführer oder ein Stellvertreter die Aussonderungen, in den Außenlagern der SS-Sanitätsdienstgrad (SDG) und Kommandoführer. Darüber hinaus lassen sich Rundreisen der jeweiligen SS-Standortärzte nachweisen, die während ihrer Besichtigungstouren nicht nur die medizinischen und sanitären Verhältnisse inspizierten, sondern auch mit den dort stationierten SS-Ärzten (wenn vorhanden), SDG oder dem übrigen SS-Personal kranke und arbeitsunfähige Häftlinge für Rücküberstellungen aussuchten. Im KZ Flossenbürg besuchte zum Beispiel der Lager- und Zivilarzt Heinrich Schmitz 23 im November 1944 das Außenlager Nossen. 24 Die Visite war in eine größere Rundreise eingebettet, in deren Verlauf er nach eigenen Aussagen mindestens zehn Außenlager kontrollierte. 25 Anschließend teilte der Kommandoführer, SS-Hauptscharführer Wetterau, der Kommandantur in Flossenbürg die Rücküberstellung von fünf Häftlingen mit: „Das Kommando bittet nachstehende Häftlinge, da sie vorl. nicht einsatzfähig sind [sic] überstellen zu können. Bescheinigung des Lagerarztes liegt bei, ebenfalls veranlaßte Herr Dr. Schmitz am Sonntag bei seiner Lagerbesichtigung bereits die Abstellung.“ 26

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Für die Lager-SS bedeutete die langfristige Arbeitsunfähigkeit eines KZ-Häftlings „eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial“ 27, derer sie sich so schnell wie möglich entledigen wollte. Drei Komponenten waren dafür verantwortlich: Erstens spielte der ökonomische Faktor eine Rolle, demzufolge die Abteilungen Arbeitseinsatz und Verwaltung keinen Ertrag aus der Arbeitsunfähigkeit eines Gefangenen zielen konnten. 28 Zudem war für Kranke und Schwache eine kosten- und zeitintensive Fürsorge notwendig, für die es im Lager weder Raum noch Mittel gab. De facto verlor die SS mit dem Verlust der Arbeitsfähigkeit das Interesse am Gefangenen. Zweitens lehnten Firmen, die KZ-Häftlinge beschäftigten, die Bezahlung für nicht einsatzfähige Gefangene ab. Der Verwaltungsaufwand und die Abrechnungsstreitfragen stellten aus Sicht der SS einen ernstzunehmenden Mehraufwand und dringend zu vermeidenden Konfliktpunkt dar. 29 Drittens bestand wegen der unzureichenden medizinischen und sanitären Versorgung der Seuchenkranken eine erhöhte Epidemiegefahr im Lager. Handlungsoptionen des SS-Standortarztes bildeten dagegen nie eine intensivierte Pflege der Kranken, sondern die selektive Ermordung der Schwerkranken, Invaliden und Arbeitsunfähigen. Laut Aussage des früheren ersten SS-Lagerarztes in Mauthausen, Friedrich Entress, wäre ein solches Bemühen ohnehin nutzlos gewesen. Ausgenommen waren Krankenzulagen (Essen und Medizin) für Gefangene, deren baldige Rückführung zur Arbeit möglich erschien. 30 Rudolf Höß zufolge betraf diese Zulage diejenigen Häftlinge, „die innerhalb 6 Wochen wieder gesund und einsatzfähig gemacht werden konnten“. 31 Entress habe seine Selektionstätigkeit daher auf längerfristig Kranke und Arbeitsunfähige fokussiert. Diese seien dann in der Gaskammer des KZ Mauthausen vergast worden.

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Maßnahmen der Amtsgruppe D zur Verbesserung der Haftbedingungen galten den gesunden Gefangenen, vor allem den Facharbeitern, was das Gefälle nur noch verstärkte. In einem der zahlreichen Runderlasse zur „Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge“ wiederholte Glücks im Oktober 1944 die Forderung seines Vorgesetzten und Chefs des SS-WVHA, Oswald Pohl: „Allen diesen Punkten [ausreichend Schlaf, trockene Unterkunft und Bekleidung, SH] ist mit besonderer Sorgfalt Ihre Aufmerksamkeit zu schenken, damit die Gesunderhaltung der Häftlinge und ihr Einsatz für die Rüstungsmaßnahmen gewährleistet bleiben.“ 32 Obwohl Anweisung und Praxis wegen der katastrophalen Mangelzustände im letzten Kriegsjahr und der Gleichgültigkeit der SS-Wachmannschaften vor Ort weit auseinander lagen, vermitteln sie doch ein Bild über die Zielplanungen der SS-Führung.

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Im Zusammenspiel dieser Faktoren drängten SS und Wirtschaft auf die Beseitigung der Kranken. Dabei sollte die „Belastung“ des Lagers mit Arbeitsunfähigen vermieden und die Gefahr einer Ansteckung der Arbeitsfähigen eingedämmt werden. Rudolf Höß, der als Amtschef D I mit diesen Fragen beschäftigt war, gab in seinem Memoiren eine bezeichnende Einschätzung dieser pervertierten Handlungslogik ab: „Hätte man nach meiner, immer wieder vertretenen Anschauung in Auschwitz nur die allergesündesten und allerkräftigsten Juden ausgesucht, so hätte man zwar weniger Arbeitsfähige melden können, aber dann auch wirklich Brauchbare für lange Zeit gehabt. So hatte man hohe Zahlen zwar auf dem Papier, in Wirklichkeit konnte man sie schon in der Mehrzahl zu hohen Prozentzahlen abziehen. Sie belasteten nur die Lager, nahmen den Arbeitsfähigen Platz und Essen weg, leisteten nichts, ja durch ihr Vorhandensein machten sie noch wiederum viele Arbeitsfähige – arbeitsunfähig. Das Endergebnis war ohne Rechenschieber zu errechnen.“ Seine Ausführungen münden in der apologetischen Verklärung des Gnadentodes. – „Hätte man die Häftlinge in Auschwitz gleich in die Gaskammern gebracht, so wäre ihnen viele Qual erspart geblieben.“ 33

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Die Kriterien der „negativen Selektion“ orientierten sich lagerübergreifend an einem dreistufigen System, 34 wobei die erste Stufe das höchste Maß der Arbeitsfähigkeit und die dritte Stufe das niedrigste der Arbeitsunfähigkeit darstellten. Der SS-Standortarzt des KZ Buchenwald definierte diese Gruppen wie folgt:

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„1.  Gruppe: kräftige, für den Einsatz im dortigen Kommando tauglich.

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  1. Gruppe: körperlich nicht für das dortige Kommando geeignete Häftlinge, die aber durchaus für industrielle Fertigung verwandt werden können.
  2. Gruppe: wegen Krankheit oder allgemeiner Körperschwäche ungeeignete Häftlinge.“ 9
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Für das eingangs genannte Außenlager „Wille“ wies der SS-Standortarzt Ende Januar 1945 von 2.132 Häftlingen 1.472 der Gruppe 1, 340 der Gruppe 2 und 320 der Gruppe 3 zu. Darüber hinaus befanden sich 1.279 Häftlinge „in Schonung“, von denen er 353 („vorwiegend Kranke, die in absehbarer Zeit wieder voll einsatzfähig werden, z.Zt. aber im Krankenbau sind“) der Gruppe 1 zuteilte, 358 der Gruppe 2 und 568 der Gruppe 3, „von denen im Lauf der nächsten Tage oder Wochen 200-300 Häftlinge sterben dürften.“ 4 Damit klassifizierte er von insgesamt 2.751 Häftlingen 46,5 Prozent als temporär oder dauerhaft arbeitsunfähig. Während in der namentlichen Auflistung der ersten beiden Gruppen noch die erlernten Berufe der Häftlinge vermerkt wurden, verzichtete die SS bei der dritten Gruppe vollständig auf diesen Akt. Für die darin erfassten Häftlinge bestimmte die Lageradministration den Tod.

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Analog dazu teilte auch der junge SS-Arzt und an der Universität Berlin habilitierte Gynäkologe im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Percival Treite, die Frauen in drei Gruppen ein: a) vollarbeitsfähig, b) beschränkt arbeitsfähig, c) Invalide oder arbeitsunfähig. 37 Zur dritten Gruppe zählte Treite vor allem Jüdinnen aus dem aufgelösten Auschwitz. „Diese Häftlinge waren körperlich und seelisch in einem völlig heruntergekommenem [sic] Zustand. Im Laufe der Zeit starben von diesen ca. 50%, meistens an allgemeiner Körperschwäche.“ 38

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„Positive Selektion“

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Das Richtmaß der „positiven Selektion“ bezog sich hingegen nicht wie bei der „negativen“ auf die Gruppe 3, sondern ausschließlich auf die Gruppe 1, also die körperlich starken und voll arbeitsfähigen KZ-Häftlinge. Von entscheidender Bedeutung war in diesem Kontext, auch für die Überlebenschancen der Gefangenen, der erlernte Beruf. Nach Gründung des SS-WVHA im März 1942 entspannten sich zwischen der Amtsgruppe D, den Lagern und den betreffenden Firmen mitunter kleinteilige Korrespondenzen über den Einsatz eines einzelnen Häftlings. 39 Rundschreiben mit dem Gesuch nach spezifischen Berufsgruppen waren an der Tagesordnung. 40“ vom Amtschef D II an den Kommandanten des KZ Buchenwald vom 1.10.1942; Antwortfernschreiben von Hermann Pister und dem Arbeitseinsatzführer des KZ Buchenwald, Philip Grimm, an das Amt D II im SS-WVHA vom 3.10.1942: „Das K.L. Bu. erstattet zum obigen Betreff: – Fehlanzeige – Die hier verfügbaren Häftlinge werden restlos für das Werk Buchenwald der G.W.W. benötigt.“ NARA, RG 549, US Army Europe, Cases tried, Case 000-50-9 (Buchenwald), Box 443, Folder No. 1.] Im Kontext der großangelegten Verlagerungsprojekte ab 1944 waren alle Lager aufgefordert, Listen von besonders dringend benötigten Facharbeitern auszufertigen. Der Schutzhaftlagerführer des KZ Auschwitz III (Monowitz), SS-Obersturmführer Vinzenz Schöttl, informierte im Juni 1944 deshalb alle Außenlager in seinem Befehlsbereich über den bevorstehenden Austausch der polnischen Facharbeiter. Dafür hatten die Kommandoführer in einem Vordruck die Facharbeiter und eine mögliche Ersatzstellung aufzulisten. Der Beruf bildete das zentrale Kriterium. 41 Im Oktober 1944 befahl Schöttl, Listen von unabkömmlichen Facharbeitern anzufertigen. „Die Listen dürfen nicht von Häftlingen erstellt werden, um ein vorzeitiges Bekanntwerden zu vermeiden.“ 42 Auch das KZ Groß-Rosen überstellte im November 1944 400 benötigte Facharbeiter für den Arbeitseinsatz in das KZ Buchenwald. 43 Diesen Facharbeitern standen in der Regel nicht nur eine bessere Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung und höhere Verpflegungssätze in Aussicht, sondern auch eine bessere Behandlung durch das SS-Lagerpersonal.

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Ein weiterer Unterschied zur „negativen Selektion“ waren die Akteure. Weniger die SS-Lagerärzte und Arbeitseinsatzführer als vielmehr die Mitarbeiter der Privatindustrie trafen in den Lagern die Auswahl über „ihre“ Häftlinge. Charakteristisch für diese Praxis ist der gut dokumentierte Häftlingseinsatz der Berliner Firma OSRAM. OSRAM erhielt in den Stollenbauten des Untertagevorhabens B 5 in Leitmeritz, dem größten Außenlager des KZ Flossenbürg, Produktionsräume zur Herstellung von Wolfram- und Molybdänerzeugnissen für die Flugzeugindustrie. Die Anlage führte in den Unterlagen die Tarnbezeichnung „Richard II“ (R II). In einem firmeninternen Protokoll vom 29. Januar 1945 heißt es, SS-Obersturmführer Wilhelm Biemann 44 „empfahl, schon jetzt die nächsten 140 Häftlinge in Gross-Rosen auszusuchen, da z.Zt. wieder eine Auswahl vorhanden sei und sich zahlreiche Handwerker darunter befänden. Die ausgesuchten Häftlinge würden bis zu unserem Abruf in Gross-Rosen verbleiben können.“ 45 Die Unterbringung der gelernten Handwerker sollte in Leitmeritz getrennt von den „Bauhäftlingen“ erfolgen, welche als ungelernte Hilfsarbeiter schwere und niedere Arbeiten auszuführen hatten. Die Todesrate der „Bauhäftlinge“ war gegenüber den „Fertigungshäftlingen“ aufgrund ihrer unterschiedlichen Behandlung und Versorgung wesentlich höher. Beide Begriffe werden daher zur nachfolgenden Kategorisierung der Selektionskriterien eingeführt. Die Unterscheidung zwischen beiden Gruppen schlägt sich zudem deutlich in der SS-Administration und Terminologie nieder. 46 Mehrfach wurde von der Firma OSRAM insistiert, eine separate Unterkunft für „unsere Häftlinge“ zu organisieren, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Unterstützung erhielt OSRAM vom Amt D II. 47

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Für das Außenlager Plauen, das ebenfalls zum KZ Flossenbürg gehörte und ein Produktionsstandort der Firma OSRAM für diverse Glühlampenfabrikate war, arrangierte die SS schon mit der Einrichtung des Lagers im Sommer 1944 die Musterung von arbeitsfähigen Häftlingen. Zur Vorbereitung trafen sich der Flossenbürger Lagerkommandant Max Koegel und sein Verwaltungsführer Hermann Kirsammer Mitte August 1944 mit Vertretern von OSRAM in Plauen, um über das Auswahlprozedere und die Unterbringung der Gefangenen zu beraten. Bereits im Juli fanden mehrere Besichtigungen in Plauen statt, um den Transfer von 500 ungarischen Jüdinnen zu organisieren. 48 OSRAM sollte zum gegebenen Zeitpunkt „Mitteilung erhalten, in welchem Lager sich die für uns bestimmten Häftlinge befinden. Unsere Herren können dann kurz vor dem Überweisungstermin dort hinfahren und sich die für unsere Arbeiten geeignetesten Kräfte aussuchen.“ 49 Die erforderlichen weiblichen Bewachungskräfte stellte OSRAM und sorgte für deren Transport zu einem „Kursus“ für Aufseherinnen im Außenlager Holleischen.

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Als Resultat der Verhandlungen zwischen OSRAM und der Amtsgruppe D im August 1944 fuhr ein Mitarbeiter der Firma nach Auschwitz, um 250 Frauen für die Produktion in Plauen auszuwählen. Die Frauen kamen dort Mitte September 1944 an. 50 Anfang Oktober meldete OSRAM beim Amt D II jedoch Bedenken an, da aus Sicht der Firma die Jüdinnen in Auschwitz ungeeignet erschienen. Biemann versprach darauf, jugendliche Frauen im Alter von 17 bis 18 Jahren zur Verfügung zu stellen. OSRAM vermerkte, dass sie wie in Auschwitz die Gelegenheit erhalten würden, die geeigneten Arbeitskräfte auszusuchen. 51 Im Falle von Leitmeritz erfolgte die „Ausmusterung“ zahlreicher Häftlinge aus dem KZ Groß-Rosen. „Es sind z.Zt. [November 1944, SH] wieder 1200 Männer in Gross-Rosen verfügbar, und zwar ungarische Juden, bei denen man wohl die Kenntnis der deutschen Sprache voraussetzen kann.“ 52 Über die anschließenden Selektionen führte OSRAM Protokoll. Am 29. Dezember 1944 fand sich ein Mitarbeiter im KZ Flossenbürg ein, um 180 Häftlinge aus einem Transport aus Groß-Rosen auszusuchen. Begleitet wurde er vom dortigen Arbeitseinsatzführer, SS-Unterscharführer Friedrich Becker. „Bei den uns zur Verfügung gestellten Häftlingen handelt es sich um ungarische Juden, welche fast durchweg im Alter von 20 – 40 Jahren stehen und körperlich gut aussehen. Der Lagerarzt hatte alle vorher untersucht und in Gesundheitsklassen eingeteilt, sodaß es für mich leichter war, kranke und anfällige Häftlinge zurückzuweisen. Es gelang mir, unsere Forderung nach Fachkräften soweit durchzudrücken, daß wir z.B. restlos alle Metallhandwerker, welche sich im Transport befanden, bekommen.“ 53

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Während der Verhandlungen verkehrten Vertreter von OSRAM mehrmals in den Dienststellen der Amtsgruppe D und des SS-WVHA in Oranienburg und Berlin, um über „Mindestkontingente“ und Bestimmungen des Häftlingseinsatzes zu diskutieren. Anlässlich einer solchen Unterhaltung im November 1944 erklärte Biemann als führender Mitarbeiter des Amtes D II, dass sich die Vorbehalte der SS gegenüber dem Ausländereinsatz in den Rüstungsproduktionen „unter dem Zwang der Verhältnisse“ gelockert hätten. 52 Probleme bestanden dennoch im gemischten Einsatz von weiblichen und männlichen Gefangenen, in der Anlernung der Häftlinge und im Einsatz von jüdischen Gefangenen. Auf der einen Seite kamen infolge der „Kontingentierung“ und „Verfügbarkeit“ für zahlreiche Arbeiten hauptsächlich jüdische Häftlinge in Betracht, auf der anderen Seite sperrten sich hohe NS-Funktionäre wie der sächsische Reichsstatthalter und Gauleiter Martin Mutschmann gegen den Einsatz von Juden in ihrem Bereich. „Es muss daher schnellstens versucht werden, dieses Verbot aufzuheben“, da die Amtsgruppe D keine „Arier […] zur Verfügung stellen kann.“ 55 Die Firma OSRAM und ihre Mitarbeiter nutzten die ihnen gegebenen Handlungsräume so weit wie möglich, um ein maximales Ergebnis für den Betrieb zu erzielen. Dabei suchte das Unternehmen bewusst die Nähe zur SS, obwohl die Anforderung von KZ-Häftlingen eigentlich Aufgabe des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion war. 56 Nach einem diesbezüglichen Schreiben Albert Speers vom 9. Oktober 1944, in dem er alle Anträge auf Zuweisung von KZ-Häftlingen mit Ausnahme der in Bearbeitung befindlichen als erledigt ansah, wandte sich OSRAM an die SS. Beruhigt notierte ein Mitarbeiter in Rücksprache mit dem Amt D II Mitte November 1944, „der unmittelbare Verkehr mit der SS ist in unserem Fall, der als in Abwicklung befindlich betrachtet werden kann, als durchaus statthaft anzusehen.“ 52

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Die Auswahl von KZ-Häftlingen durch Betriebsangestellte der Firma OSRAM stellte keinen Einzelfall dar. In allen Konzentrationslagern suchten private Unternehmen Gefangene für ihre Produktionsanlagen aus. Dies geschah im Einverständnis mit der Amtsgruppe D und den jeweiligen Kommandanten und Abteilungsleitern der Lager. Hermann Pister informierte im Dezember 1944 den Kommandanten des Aufenthaltslagers Bergen-Belsen, dass zwei Mitarbeiter der Heerbrandt AG am 28. Dezember 1944 die „Ausmusterung 500 weiblicher Häftlinge“ vornehmen werden. Gleichzeitig bat die Firma um Quartierstellung für ihre beiden Angestellten. 58 Die 500 Frauen und Mädchen, meist Jüdinnen, trafen am 7. Februar 1945 im Außenlager Raguhn ein, um für den Mutterkonzern Junkers in der Flugzeugproduktion zu arbeiten. Raguhn war das zweitletzte gegründete Außenlager des KZ Buchenwald. Aufgrund von Materialmangel und Versorgungsengpässen konnte die Fertigung nicht mehr voll aufgenommen werden. 59

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In einem anderen Fall fuhr ein Mitarbeiter von BMW in das KZ Stutthof, um dort eine kleine Zahl von „Fertigungshäftlingen“ auszuwählen. Der Kommandant Paul Werner Hoppe informierte anschließend sein Personal über die Häftlingsüberstellung: „Gemäß Anordnung der Amtsgruppe D im SS-WVHA, werden 72 Häftlinge zum KL. Dachau überstellt. Das Aussuchen der Häftlinge ist bereits durch einen Beauftragten der BMW-Werke erfolgt.“ 60 Sowohl dem SS-Begleitkommando, das vom SS-Totenkopfsturmbann Dachau gestellt wurde, als auch den Häftlingen wurde vor dem Transport warmes Essen und ausreichend Marschverpflegung für drei Tage mitgegeben, was erneut auf die Besserstellung der „Fertigungshäftlinge“ verweist.

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Desgleichen bestätigte der vormalige Kommandant des KZ Ravensbrück, Fritz Suhren, in seinen Nachkriegsvernehmungen von 1946 die Verhandlung über arbeitsfähige Häftlinge durch Firmenvertreter der Produktionsstandorte in den Außenlagern. Dabei hätten einige Leiter der Betriebsstellen, in denen Häftlinge aus Ravensbrück beschäftigt waren, mindestens einmal das Hauptlager Ravensbrück besucht, um mit dem Arbeitseinsatzführer Hans Pflaum „ueber Fragen des Arbeitseinsatzes zu konferieren.“ 61 In seiner nachstehenden Auflistung nannte Suhren zahlreiche führende Mitarbeiter diverser Firmen wie Siemens Halske, Polte, Dornier oder Heinkel.

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Selektionskriterien für die Privatindustrie waren in den meisten Fällen eine kräftige körperliche Konstitution und Qualifikationen in handwerklichen, meist metallverarbeitenden Berufen. Darüber hinaus zählten sprachliche Fertigkeiten, vor allem dann, wenn es sich um jüdische Häftlinge aus Osteuropa handelte. Kenntnisse der deutschen Sprache steigerten die Chancen, bei gleichzeitig gutem Gesundheitszustand auch ohne handwerkliche Ausbildung von den Unternehmen ausgewählt zu werden. Im Herbst 1944 selektierten Vertreter von Daimler-Benz für die Flugzeugmotorenwerke in Genshagen (Außenlager des KZ Sachsenhausen) eine große Zahl deportierter ungarischer Jüdinnen im KZ Ravensbrück. 62 Zentrale Selektionskriterien von Daimler-Benz waren Arbeitsfähigkeit und Deutschkenntnisse. 63

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Aufgrund der Vielfalt der Interessen und Akteure waren Konflikte unvermeidbar. Zudem weichten die Handlungsräume der Rüstungsfirmen – nachdem das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion und die diversen Sonderstäbe wie der Jägerstab, der Kammler- und der Geilenberg-Stab sowie der Rüstungsstab bereits die Macht über das KZ-Imperium beschnitten hatten – die Kompetenzen der Amtsgruppe D im SS-WVHA zusätzlich auf. Anlässlich einer eigenmächtig angeordneten Häftlingsüberstellung der Organisation Todt erinnerte Maurer daran, dass die Verfügungsgewalt darüber allein bei der Amtsgruppe D läge. „Es ist kürzlich bei einem Aussenlager eines Konzentrationslagers der Fall eingetreten, dass der Leiter einer OT-Dienststelle […] von sich aus den Lagerführer dazu bewegen wollte, etliche hundert Häftlinge aus diesem Bestand in ein anderes Arbeitslager im Bereich eines anderen Konzentrationslagers zu überstellen. Dieser Führer der OT hat damit versucht, sich Befugnisse anzueignen, die ihm nicht zustehen.“ 64 In einem anderen Fall beschwerten sich die Adlerwerke in Frankfurt/Main über die falsche Zuweisung von Häftlingen, nachdem der firmeneigene „Arbeitseinsatzingenieur“ persönlich die Auswahl von 1.000 Gefangenen im KZ-Natzweiler vorgenommen hatte. Die Kosten dafür wurden an die Lagerverwaltung zurückgewiesen. 65

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Trotz aller Unterschiede und Kompetenzgerangel bestand allerdings eine wesentliche Gemeinsamkeit der Häftlingsselektionen darin, dass spätestens ab 1944 weniger rassistische als vielmehr körperliche, berufliche und sprachliche Voraussetzungen die „Ausmusterung“ von Häftlingen prägten. Oberstes Richtmaß war die Arbeitsfähigkeit bzw. -unfähigkeit der Gefangenen. 66 Dieses Vorgehen basierte auf zentralen Verordnungen, die zwar regional unterschiedlich umgesetzt wurden, aber trotzdem intentionalen und auf der Führungsebene beschlossenen Paradigmenwechseln zugrunde lagen. Dazu gehörte der Arbeitseinsatz von jüdischen Gefangenen im Altreich, obgleich sich einflussreiche Personen wie Kaltenbrunner, Sauckel oder Mutschmann dagegen wehrten. Die sukzessiv unterschiedslose Verwendung von Juden in den Rüstungsproduktionen galt – vorerst mit Ausnahme von Berlin – ab Mai/Juni 1944 für das gesamte deutsche Reichsgebiet. 67 Auch verschwand der gelbe Judenstern als äußere Stigmatisierung der jüdischen Gefangenen. 68, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases not tried, Case 000-50-011 (Ravensbrück), Box 523, Folder No. 6.]

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Das Jüdischsein war also nicht per se die Grundlage für eine „negative Selektion“. Sowohl jüdische als auch nichtjüdische Häftlinge wurden als arbeitsunfähig ausgesondert und bei planmäßigen Mordaktionen wie in Mauthausen und Ravensbrück erschossen, vergiftet oder erstickt. 69 Jüdische Gefangene waren aber wegen ihrer langen und entbehrungsreichen Verfolgungszeit verstärkt Opfer der Selektionen und wiesen eine hohe Todesrate auf. 70 Eine Ausnahme bildeten nichtjüdische deutsche Gefangene. Sie zählten zu den „alten“ und erfahrenen Häftlingen und oftmals zur privilegierten Häftlingsselbstverwaltung im Lager. Im Gegensatz zu den ausgemergelten Neuzugängen aus den evakuierten Ostlagern waren sie überwiegend gesund und bei Kräften. Viele von ihnen arbeiteten seit Jahren in exponierten Positionen der Häftlingsselbstverwaltung und sorgten für die aus Sicht der SS notwendige Stabilität. Aber auch diese Gruppe wurde, wie die Analysen der Mordlisten zeigen, in die „negative Selektion“ einbezogen. 71 Die Selektionen des letzten Kriegsjahres stellten somit kein tragendes Element der „Endlösung der Judenfrage“ dar, sondern eine Neuauflage der „Aktion 14 f 13“.

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Schlussbetrachtung

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Die nationalsozialistisch-rassistische Ideologie besaß als kollektive und alles integrierende Handlungsanleitung geringe Bedeutung für die Selektion und Massentötung von KZ-Häftlingen. Vor allem im letzten Kriegsjahr wurde die rassistische Hierarchisierung der Gefangenen schrittweise nivelliert. Am Ende dieser Periode stand der Vernichtungsstopp in Auschwitz im November 1944. Die Einrichtung interministerieller Sonderstäbe (z.B. Jägerstab) zur Steigerung der Rüstungsproduktion verdeutlicht das sicherlich stark unter Druck geratene, aber trotzdem flexible Krisenmanagement von Politik und Wirtschaft. Sowohl Ministerial- als auch Parteibehörden hoben sich über die bestehenden rassistischen Kriterien und ideologischen Bedenken hinweg. Gegen die Widerstände hoher SS- und Parteifunktionäre ordnete Heinrich Himmler im Mai 1944 die Deportation von 200.000 Juden in die Konzentrationslager an, um sie bei „kriegswichtigen Aufgaben“ einzusetzen. Die neuen Anforderungen zogen einen veränderten Stellenwert der Häftlinge und eine Prioritätenverschiebung in der – zumindest formal angeordneten – Häftlingsbehandlung nach sich. Nach dem Vernichtungsstopp in Auschwitz im November 1944 verfügte Richard Glücks Anfang Dezember 1944 neue Richtlinien zur besseren „Behandlung der einsitzenden jüdischen Häftlinge“, der gelbe Judenstern wurde abgeschafft. Im Unterschied zu Saul Friedländer, der das letzte Kriegsjahr als „the final drive toward the complete extermination of the European Jews“ 72 charakterisiert,  stellte sich diese Phase daher weitaus komplexer dar und ist nicht durch einen eliminatorischen Antisemitismus geprägt. Selektionen und Massentötungen richteten sich zuallererst gegen solche Häftlinge, welche die SS in ihrem dreistufigen Selektionssystem wegen Krankheit oder allgemeiner Körperschwäche als ungeeignet betrachtete. Eine primär rassistisch motivierte Aussonderung ist nicht festzustellen. Nach den für einen Arbeitseinsatz Tauglichen und bedingt Tauglichen bildeten die Untauglichen in den Todeszonen die unterste Selektionsstufe. Das Jüdischsein war nicht per se die Grundlage für eine „negative Selektion“. Die Analyse der Mordlisten belegen, dass jüdische Häftlinge und damit das Primat der „Rasse“ keine Priorität besaßen. Zentrale Faktoren waren neben der Berücksichtigung ökonomischer Interessen zuvorderst die Selbsterhaltung und Stabilisierung des KZ-Systems an sich. Die hierarchische Partialisierung der Lager in mehrere Räume und die Ermordung der Kranken und Arbeitsunfähigen dienten in diesem Zusammenhang sowohl der Konsolidierung überbordender Lagerkomplexe als auch der utilitaristisch ausgerichteten Auslese der noch als brauchbar angesehenen sowie der Ausmerze der als unbrauchbar angesehenen Insassen.

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  1. Begründung zum Vorschlag von Richard Glücks für die Verleihung des Deutschen Kreuzes in Silber vom 13.1.1945, BArchB (ehem. BDC), SSO, Glücks, Richard, 22.04.1889. Diese Zählung beinhaltet noch die KZ Auschwitz und Plaszow, laut Übersicht der Amtsgruppe D befanden sich am 1. Januar 1945 706.648 Häftlinge und 39.969 SS-Wachmannschaften im KZ-System. Aufstellung über die Zahl der KZ-Häftlinge und SS-Wachmannschaften aus der Amtsgruppe D im SS-WVHA vom 1.1. und 15.1.1945, BArchB, NS 3/439, Bl. 1 f. Die Differenzen bei der Gefangenenzahl beruhen möglicherweise auf der unterschiedlichen Zählung von KZ-Häftlingen und von anderweitig bzw. nicht registrierten Gefangenen, auf einem Fehler oder auf einer Überhöhung der Verdienste. Jens-Christian Wagner zufolge existierten Ende 1943 260 Haupt- und Außenlager, Mitte 1944 600 und Anfang 1945 730: Work and Extermination in the concentration camps, in: Jane Caplan/Nikolaus Wachsmann (Hrsg.), Concentration Camps in Nazi Germany, London 2010, S. 127-148, hier S. 135.
  2. Schreiben von Oswald Pohl an Heinrich Himmler vom 5.4.1944, BArchB, NS 19/1921. Darin ist von 20 Hauptlagern die Rede, sodass die KZ Auschwitz I bis III vermutlich als ein Standort Auschwitz gezählt wurden.
  3. Schreiben des Amtschefs D IV, Wilhelm Burger, an den Chef der Amtsgruppe B, Georg Lörner, vom 15.8.1944, Nürnberger Dokument, NO-1990 = PS-1166.
  4. Ebenda.
  5. Anders Gerlach/Aly, Kapitel, S. 415.
  6. Hördler, Holocaust, S. 100-126; ders., SS-Kaderschmiede, S. 75-129.
  7. Allen, Business of Genocide, S. 281.
  8. Siehe dazu den Beitrag von Jens-Christian Wagner in diesem Band.
  9. Schreiben von Gerhard Schiedlausky an den Lagerkommandanten des KZ Buchenwald, Hermann Pister, vom 31.1.1945, ThHStAW, NS 4/Bu-54, Bl. 138.
  10. Einzige Ausnahme bildete das verhältnismäßig kleine Nordlager Neuengamme, das aufgrund seiner günstigen geographischen Küsten- und sicheren Frontlage über zahlreiche Werft- und Produktionsstandorte verfügte. Dazu zählten auch die Untertagevorhaben A 1 bis A 3. Buggeln, Arbeit Gewalt.
  11. Brief von Eduard Wirths an seine Frau vom 29.11.1944, Privatbesitz. Zur Person: BArchB (ehem. BDC), SSO, Wirths, Eduard, 04.09.1909.
  12. Rundschreiben von Enno Lolling an die SS-Standortärzte und ersten SS-Lagerärzte der Konzentrationslager (ohne Plaszow) vom 25.8.1944, ThHStAW, KZ und Haftanstalten Buchenwald, Nr. 9, Bl. 28.
  13. Der Ausbruch von Fleckfieberepidemien und die völlige Hilflosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Massensterben ist nur ein Indikator für den wachsenden Kontrollverlust im Lager und den Versorgungsnotstand der Häftlingsmassen. Sowohl in Stutthof als auch in Ravensbrück wurde Ende 1944 bzw. Anfang 1945 wegen Fleckfieber eine Lagerquarantäne verhängt. Sonderbefehl des KZ Stutthof vom 29.12.1944, Sonderbefehl des KZ Stutthof „über Sicherungsmaßnahmen gegen die Fleckfieberepidemie“ vom 9.1.1945, Sonderbefehl des KZ Stutthof vom 21.1.1945, AMSt, I-IB-3; Verschlüsselte Funknachricht der Kripoleitstelle Köln an das RKPA Fürstenberg/Mecklenburg vom 10.2.1945, TNA/PRO, HW 16/43, msg 143.
  14. „Monatsbericht über den San.-Dienst im K.L. Buchenwald“ vom SS-Standortarzt Gerhard Schiedlausky vom 30.9.1944, ThHStAW, KZ und Haftanstalten Buchenwald, Nr. 10, Bl. 85 f.
  15. Kertész, Roman, S. 143 ff.
  16. Czoßek, Tröglitz/Rehmsdorf, S. 593-596.
  17. Rundschreiben von Enno Lolling an die SS-Standortärzte und 1. SS-Lagerärzte der Konzentrationslager (ohne Płaszów) vom 25.8.1944, ThHStAW, KZ und Haftanstalten Buchenwald, Nr. 9, Bl. 28.
  18. Überstellungsliste des KZ Buchenwald mit 525 Personen vom 27.9.1944, BArchB, NS 4/Bu-136a, Bl. 121.
  19. Czech, Kalendarium Auschwitz, S. 895-897; Stein, Konzentrationslager Buchenwald, S. 221.
  20. Bindernagel/Bütow, Magdeburg-Rothensee, S. 512-515; dies, KZ in der Nachbarschaft.
  21. Betreff eines internen Vermerkes des SS-Standortarztes Buchenwald, in dem er die Selektionskriterien der „Ausmusterung“ definiert. Schreiben von Gerhard Schiedlausky an den Kommandanten des KZ Buchenwald, Hermann Pister, vom 31.1.1945, ThHStAW, NS 4/Bu-54, Bl. 138.
  22. „Monatsbericht über den San.-Dienst im K.L. Buchenwald“ vom SS-Standortarzt Gerhard Schiedlausky vom 30.9.1944, ThHStAW, KZ und Haftanstalten Buchenwald, Nr. 10, Bl. 85 f.
  23. Schmitz bildete eine Ausnahme unter den Lagerärzten. Er war von 1932 bis 1937 Mitglied der NSDAP, aber nie Mitglied der SS gewesen. 1943 wurde er auf Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Jena wegen manisch-depressiver Geistesstörung sterilisiert und von der Wehrpflicht entbunden. Über Vermittlung des Reichsarztes SS Ernst-Robert Grawitz arbeitete Schmitz von Mai 1944 bis März 1945 als Zivilarzt in Flossenbürg und leitete dort die chirurgische Abteilung. Eidesstattliche Erklärung von Heinrich Schmitz vom 25.8.1947, NARA, RG 549, US Army Europe, Executee Files, Box 12, Folder zu Heinrich Schmitz. Schmitz wurde am 12. Dezember 1947 von einem US-amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt und am 26. November 1948 in Landsberg/Lech hingerichtet. SS-Standortarzt in Flossenbürg war von Oktober 1944 bis März 1945 SS-Obersturmbannführer Hermann Fischer. BArchB (ehem. BDC), SSO, Fischer, Hermann, 22.03.1883.
  24. Das Außenlager Nossen war organisatorisch dem Verlagerungsprojekt B 5 in Leitmeritz zugeordnet. Von November 1944 bis April 1945 wurden rund 650 Häftlinge nach Nossen verlegt. Fritz, Nossen, S. 204-207.
  25. Zu den im November 1944 besuchten Außenlagern zählten Lengenfeld, Zwickau, Chemnitz, Nossen, Mittweida, Dresden, Zschachwitz, Rabstein, Leitmeritz und Holleischen. Eidesstattliche Erklärung von Heinrich Schmitz vom 3.1.1946, NARA, RG 549, US Army Europe, Executee Files, Box 12, Folder zu Heinrich Schmitz.
  26. Schreiben von Wetterau an die Kommandantur des KZ Flossenbürg vom 25.11.1944, CEGESOMA, Mikrofilm 14368+.
  27. Berichtsprotokoll des SS-Hygienikers Karl Groß an das Amt D III im SS-WVHA vom 23.12.1943, Archiv der Directie-generaal Oorlogsstachtoffers, Dienst Archieven en Documentatie in Brüssel, 1546/Ding-Schuler. Für den Hinweis danke ich Jens-Christian Wagner.
  28. Siehe dazu die Aufstellungen der Arbeitseinsatzführer über die Anzahl der Kranken, Schonungskranken und Seuchenkranken im Lager, z.B. Stärkemeldung vom Arbeitseinsatzführer des KZ Buchenwald, Albert Schwartz, an Rudolf Höß vom 20.3.1945, ThHStAW, KZ und Haftanstalten Buchenwald, Nr. 10, Bl. 393.
  29. Schreiben des Arbeitseinsatzführers des KZ Natzweiler, Robert Nitsch, an die Kommandantur des KZ Natzweiler vom 4.11.1944, ITS, HIST/SACH, Natzweiler, Ordner 7, Bl. 243.
  30. Aussage von Friedrich Entress vom 29.1.1946, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases tried, Case 000-50-5 (Mauthausen), Box 345, Folder No. 3, Prosecution Exhibit No. P-83.
  31. Höß, Kommandant, S. 250.
  32. Schreiben von Richard Glücks an den Kommandanten des KZ Auschwitz III (Monowitz) vom 26.10.1944, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases not tried, Case 000-50-011 (Ravensbrück), Box 523, Folder No. 5.
  33. Höß, Kommandant, S. 205 f.
  34. Dies betraf die Selektionen von registrierten KZ-Häftlingen. Davon ausgenommen sind Neueinlieferungen von nicht registrierten Gefangenen wie den ungarischen Juden in Auschwitz, bei denen nur zwischen arbeitsfähig (Registrierung mit einer Haftnummer) und arbeitsunfähig (Ermordung in der Gaskammer) entschieden wurde.
  35. Schreiben von Gerhard Schiedlausky an den Lagerkommandanten des KZ Buchenwald, Hermann Pister, vom 31.1.1945, ThHStAW, NS 4/Bu-54, Bl. 138.
  36. Ebenda.
  37. Aussage von Percival Treite vom 3.10.1946, TNA/PRO, WO 235/309, Exhibit No. 8.
  38. Aussage von Percival Treite vom 5.5.1945, ebenda. Zur Sterblichkeit in Ravensbrück siehe auch die Aussage der ehemaligen Gefangenen Danuta Tulmacka vom 13.5.1945, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases not tried, Case 000-50-011 (Ravensbrück), Box 522, Folder No. 3.
  39. So ordnete der Amtschef D II, Gerhard Maurer, im Juli 1942 die Überstellung des inhaftierten Steinschleifers Josef Menzel von Buchenwald nach Mauthausen an, da dieser dort dringend im Betrieb der DESt benötigt wurde. Das KZ Buchenwald organisierte darauf einen Einzeltransport. Funkspruch von Gerhard Maurer an das KZ Buchenwald vom 6.7.1942 und Schreiben vom Büroleiter der Politischen Abteilung des KZ Buchenwald, SS-Hauptscharführer Fritz Stollberg, an die Abteilung III vom 13.7.1942, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases tried, Case 000-50-9 (Buchenwald), Box 436, Folder No. 3. In einem anderen Fall verfügte die Amtsgruppe D die Überstellung von zwei Porzellanbrennern von Ravensbrück nach Buchenwald. Schreiben von Arthur Liebehenschel an die Kommandanten der KZ Ravensbrück und Buchenwald vom 11.12.1942, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases tried, Case 000-50-9 (Buchenwald), Box 443, Folder No. 1.
  40. Z.B. Fernspruch betr. „Meldung von Facharbeiter. – Fuer einen dringenden Einsatz in der Ruestungsindustrie […
  41. Befehl von Vinzenz Schöttl an alle Außenlager des KZ Auschwitz III vom 14.6.1944, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases not tried, Case 000-50-11 (Ravensbrück), Box 523, Folder 5.
  42. Schreiben von Vinzenz Schöttl an das Außenlager Golleschau vom 22.10.1944, ebenda.
  43. Zugangsliste des KZ Buchenwald über 400 „Politische Polen/Juden“ aus dem KZ Groß-Rosen vom 4.11.1944, ITS, List Material, Groß-Rosen, Ordner 11, Bl. 20-26.
  44. Biemann war neben Karl Sommer der wichtigste Mitarbeiter vom Amtschef D II Gerhard Maurer bzw. ab Januar 1945 von dessen Nachfolger Hans Moser. BArchB (ehem. BDC), SSO, Biemann, Wilhelm, 09.12.1900.
  45. Niederschrift der Firma OSRAM „über ein Ferngespräch mit O.St.F. Biemann am 29.1.1945 betr. Häftlinge“ vom 30.1.1945, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0482, Bl. 179.
  46. Schreiben des Kommandanten des KZ Natzweiler, Friedrich Hartjenstein, an den Kommandoführer des Außenlagers Thil-Longwy, Eugen Büttner, vom 11.7.1944, ITS, HIST/SACH, Natzweiler, Ordner 19, Bl. 42.
  47. Niederschrift der Fa. OSRAM über einen „Anruf bei Herrn Obersturmführer Biemann am 24.1.45“ vom 24.1.1945, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0500, Bl. 197.
  48. Niederschrift der Fa. OSRAM über einen „Besuch in Plauen am 21.-25., 29.7. u. 1.8.44“ vom 8.8.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0490, Bl. 133.
  49. Niederschrift der Fa. OSRAM über einen „Besuch in Plauen am 14. und 15.8.1944“ vom 21.8.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0490, Bl. 129.
  50. Telegramm der Fa. OSRAM betr. „Transport 250 Häftlinge aus Auschwitz in Plauen“ vom 13.9.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0489, Bl. 18.
  51. Niederschrift der Fa. OSRAM „über den Besuch beim SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt Oranienburg gemeinsam mit Herrn Penne am 3.10.44“ vom 4.10.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0502, Bl. 15.
  52. Niederschrift der Fa. OSRAM „über einen Besuch beim SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt am 13.11.44“ vom 14.11.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0500, Bl. 210.
  53. Niederschrift der Fa. OSRAM betr. „Besuch im KL Flossenbürg zwecks Ausmusterung von Häftlingen“ vom 3.1.1945, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0500, Bl. 330.
  54. Niederschrift der Fa. OSRAM „über einen Besuch beim SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt am 13.11.44“ vom 14.11.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0500, Bl. 210.
  55. „Aktennotiz Richard II Nr. 47“ der Fa. OSRAM vom 19.10.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0502, Bl. 121.
  56. Speer hatte im Juni 1944 umfangreiche Vollmachten von Hitler erhalten, Wirtschafts- und Rüstungsprojekte nach ihrer Relevanz einzustufen und kriegswichtige Vorhaben zu fördern. „Anordnung zum Erlass über die Konzentration der Rüstung und Kriegsproduktion“ von Adolf Hitler vom 19.6.1944, BArchB, R 3/3286.
  57. Niederschrift der Fa. OSRAM „über einen Besuch beim SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt am 13.11.44“ vom 14.11.1944, LArchB, A Rep. 231, Nr. 0500, Bl. 210.
  58. Fernschreiben von Hermann Pister an den Lagerkommandanten von Bergen-Belsen, Josef Kramer, vom 21.12.1944, ITS, HIST/SACH, Buchenwald, Ordner 48, Bl. 151.
  59. Seidel, Raguhn, S. 551 f.
  60. Kommandanturbefehl Nr. 15 des KZ Stutthof vom 21.2.1944, AMSt, I-IB-3.
  61. Eidesstattliche Erklärung von Fritz Suhren vom 17.6.1946, Nürnberger Dokument, NI-091.
  62. Liste des KZ Ravensbrück über den „Sondertransport Nr. 123 am 22. November 1944 aus Budapest ohne Papier“, IPN/AGK, KL Ravensbrück, sygn. 75, k. 13-31. In dem Transport befanden sich 753 ungarische Jüdinnen.
  63. Eva Féjer, Bericht aus der Verfolgungszeit, Januar 1956, Sammlungen MGR/SBG, NL 28, Bl. 8.
  64. Rundschreiben des Lagerkommandanten des KZ Auschwitz III (Monowitz), Heinrich Schwarz, an alle Außenlagerführer des KZ Auschwitz III vom 14.8.1944, NARA, RG 549, US Army Europe, Cases not tried, Case 000-50-011 (Ravensbrück), Box 523, Folder No. 5.
  65. Schreiben der Adlerwerke AG an die Kommandantur des KZ Natzweiler vom 18.11.1944, ITS, HIST/SACH, Natzweiler, Ordner 19, Bl. 114.
  66. Siehe „Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge des Aufenthaltslagers Bergen-Belsen“ vom 15.3.1945, gezeichnet vom Lagerkommandanten Josef Kramer, TNA/PRO, WO 235/21, British Military Court War Crimes Trial, Bergen-Belsen Auschwitz Concentration Camps Case, JAG No. 12, Vol. X, Exhibit No. 122. Die Aufstellung des Arbeitseinsatzes enthielt keine Angaben zur Häftlingsgruppe und keine Unterscheidung von jüdischen und nichtjüdischen Gefangenen. Dies war kein Merkmal der Schlussphase. Vgl. Aufstellung zum Arbeitseinsatz der Häftlinge des KZ Mauthausen vom 11.11.-17.11.1941, ITS, HIST/SACH, Dokumente/Schriftwechsel zu Verfolgung/Haftstätten, Ordner 11, Bl. 121.
  67. In den Diskussionen sollte der Einsatz von Jüdinnen nicht in Berlin erfolgen. Schnellbericht des Jägerstabes vom 9.6.1944, BArchB, R 3/1756, Bl. 47.
  68. Schreiben von Richard Glücks an den Kommandanten des KZ Auschwitz III vom 20.11.1944 [Abschrift
  69. Z.B. Häftlingsüberstellung des KZ Ravensbrück in das „Schonungslager Mittwerda i. Schles.“ vom 6.4.1945, IPN/AGK, KL Ravensbrück, sygn. 15. Hierbei handelte es sich um eine getarnte Aufstellung von Mordopfern der Gaskammer und Erschießungen im KZ Ravensbrück. Den Ort Mittwerda in Schlesien gab es nicht. Unter den 493 aufgelisteten Frauen befanden sich 156 Jüdinnen. MGR, Gedenkbuch, S. 49.
  70. Aussage von Percival Treite vom 5.5.1945, TNA/PRO, WO 235/309, Exhibit No. 8; Apel, Frauen, S. 336f., 352f.
  71. Stefan Hördler, Die Schlussphase des Konzentrationslagers Ravensbrück. Personalpolitik und Vernichtung, in: ZfG 56 (2008), S. 222-248, zur Sache: S. 239 f.
  72. Friedländer, Nazi Germany, Bd. 2: Years of Extermination, S. 602.