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Hinweis auf Jünger?

Den Abschnitt finde ich zu kurz angesichts der Bedeutung des Themas. Läßt sich über den Zeppelin hinaus noch ein weiteres Beispiel bringen? Das Radio als modernes Medium zum Beispiel?

Mai-Motto ist hier eine Wiederholung (s.o. Abschnitt 10)

Diesen Vergleich mit den sozialistischen Maifeiern finde ich sehr wichtig. Läßt sich dieser Absatz ausbauen?

Wurde “An ihren Taten sollt ihr sie erkennen” am 1. Mai gesendet? Die Fussnote legt dies nah. Hörten das die Teilnehmer auf dem Tempelhofer Feld?

Dieses Verhältnis von Inklusionsangebot am 1. Mai und Exklusion am 2. Mai wird mit dem Absatz noch nicht deutlich. War der 2. Mai “lediglich der praktische Vollzug dieser Maifeier”?

Lassen sich zu Mattau noch weitere Karrieredetails finden?

Das ganze begann in der Nacht vom 30. April in einem ….

Ich fände es gut, hier kurz die Festformen der sozialistischen Maifeiern in Erinnerung zu rufen, damit deutlich wird, an welche die Nationalsozialisten anknüpften.

das nationalsozialistische Regime [...] verhandelten

fehlende Kongruenz

Inge Marszolek: Vom Proletarier zum ‚Soldaten der Arbeit‘. Zur Inszenierung der Arbeit am 1. Mai 1933

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Die Umformung des 1. Mais als traditionellen Festtages der Arbeiterbewegung in den „Tag der nationalen Arbeit“ geschah am 1.Mai 1933 mit einem medialen Paukenschlag. Kein anderer als Reichspropagandaminister Goebbels hatte unmittelbar nach den Reichstagswahlen am 24. März mit der Vorbereitung des Tages begonnen. 1 Bezogen auf eine anstehende Sitzung des Reichskabinetts hatte Goebbels notiert: „Wir werden das in größtem Rahmen aufziehen und zum erstenmal das ganze deutsche Volk in einer einzigen Demonstration zusammenfassen. Von da ab beginnt dann die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften. Wir werden nicht eher Ruhe geben, bis sie restlos in unserer Hand sind“. 2 Goebbels hatte wohl von Anfang dem noch relativ neuen Medium, dem Radio, eine ganz zentrale Rolle an diesem Tag zugedacht. Um einen heutigen Terminus zu benutzen, der 1.Mai 1933 war als riesiges Medienevent geplant und wurde so inszeniert.

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Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist ein Medienevent „als spezifische Verdichtung von Medienkommunikation“ zu begreifen, „die durch eine zentrierende auf ein einen thematischen Kern ausgerichtete Performanz gekennzeichnet sind, die unterschiedliche Medienproduktionen durchstreift bzw. eine breite und zerstreute Vielfalt von Publika und Teilnehmer erreicht.“ 3 Kennzeichnend ist ferner, dass diese Medienevents auf ein mediatisiertes Zentrum ausgerichtet sind und damit in hohem Maße machtgeprägte Ereignisse darstellen. Ohne diese ‚Definition‘ überzustrapazieren, ist es auffällig, wie gut sie auf den 1.Mai 1933 zutrifft.

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Ich werde im folgenden beschreiben, in welcher Weise das nationalsozialistische Regime über die Umdeutung der Vorstellungen von Arbeit und Arbeitern und deren Integration in die NS-Volksgemeinschaft verhandelten. Intention war, wie das Zitat von Goebbels zeigt, nunmehr auch den ideologischen Sieg über die Arbeiterbewegung für alle „Volksgenossen“ deutlich zu machen. Ausgehend von der Überlegung, dass die NS-Volksgemeinschaft kommunikativ immer wieder herzustellen war, gilt für den 1.Mai 1933, dass quasi in der Laborsituation unmittelbar nach den Wahlen vom März 1933 und dem Ausschalten der Parteien mediale Angebote zur Integration an die (männliche) Arbeiterschaft, aber auch darüber hinaus an andere Gruppen gemacht wurden. Die damit verbundenen Umdeutungen wurden sowohl in verschiedenen Performanzen an den Orten selber als in radiophonen Formen am Tage selber wie visuell in „Begleitmedien“ (Plakate, Postkarten etc.) realisiert. Auffällig ist für alle Inszenierungen, dass diese im wesentlichen Adaptionen der Festformen der sozialistischen Maifeiern waren, bzw. generell an ästhetische Produktionen der Arbeiterkultur anknüpften, mit einer Ausnahme, nämlich der massiven Zentrierung auf den Führer hin. Desgleichen hatte dieser erste nationalsozialistische „Tag der nationalen Arbeit“ selber eine Art Laboratoriumscharakter insofern, als es dem Regime und v.a. hier Joseph Goebbels noch nicht genau klar war, welche der Aspekte der „Volksgemeinschaft“ gegenüber der Arbeiterschaft zu betonen waren, welche eher diffus zu bleiben hatten, und in welcher Weise der nationalsozialistische Arbeitsbegriff zu füllen war. Ähnliches galt für den Rundfunk, dem ja Goebbels von Beginn an eine entscheidende Rolle in der Formierung der „Volksgemeinschaft“ zugewiesen hatte. Wie aber diese Propagandafunktion am besten zu füllen sei, ob durch direkte politische Indienstnahme oder durch eine Mischung von Unterhaltung und politischen Botschaften, das war eine offene Frage. 4 Und das galt auch für die gigantomanischen Masseninszenierungen.

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Der Ablauf des 1. Mai 1933

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Das ganze begann in einem Prolog am Brocken, wo die Delegationen der HJ und des BDM zur Feier der Walpurgisnacht am sog. Hexenplatz angetreten waren. Die Norag übertrug ab 23.00 life die Veranstaltung, was bereits für das junge Medium eine ungeheure logistische Leistung war.

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Am 1.Mai selber begann um 8.50 die Übertragung aus Berlin mit der Jugendkundgebung im Lustgarten, als der Reichspräsident Hindenburg, begleitet von Hitler und Goebbels vor 200.000 Jugendlichen und Kindern sprach. Danach wurde ein halbstündiger Hörbericht gesendet, in dem vom Reporter Hans Heinz Mattau „typische Berufsvertreter“ aus unterschiedlichen Regionen zu Wort kamen. Danach sendete der Rundfunk life vom Tempelhofer Feld: Die Reportagen schilderten u.a. die Ankunft der „Arbeiterdelegationen“, die einem Flugzeug entstiegen, oder die Aufmärsche auf dem Tempelhofer Feld, Sie wurden von längeren und kürzeren Hörspielen, wie von einem Bericht aus dem Zeppelin, der über dem Tempelhofer Feld kreiste und dann seine Deutschlandfahrt fortsetzte, unterbrochen. Höhepunkt der gesamten Inszenierung, war ein Werk des damals jungen Architekten Albert Speer, der hier in der einsetzenden Dunkelheit zum ersten Mal seinen „Lichtdom“ erprobte. Der Lichtdom bot die Kulisse für die Reden von Goebbels und kurze Zeit später, die von Adolf Hitler. Krönender Abschluss war das Feuerwerk, das von vier Reportern beschrieben wurde. „..als wär ein riesengroßer Brand am Horizont, so leuchtet das Hakenkreuz herüber“ kommentierte ein Reporter wider willen prophetisch. Beendet wurde die Übertragung um 1.00 nachts. Um zu erreichen, dass die Massen außerhalb des Tempelhofer Feldes erreicht wurden, wurden in allen größeren Städten Lautsprecheranlagen aufgestellt, die sicher- stellten, dass die Aufmarschierenden die Übertragung aus Berlin hören konnten. Da 1933 nur etwa ein Drittel aller Haushalte über ein Radiogerät verfügten, wurden die „Volksgenossen“ aufgefordert, ihre Geräte in die geöffneten Fenster zu stellen. Nur so war gewährleistet, dass ein zerstreutes und vielfältiges Publikum erreicht wurde, wobei natürlich das ideale Hören an diesem Tag ein Beschallen der formierten Massen war. Darüber hinaus wurde, durch Maipostkarten, Plakate, Berichte in den Zeitungen etc. das Ereignis multimedial begleitet.

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Der thematische Kern des gesamten „events“ war die Umschreibung des Arbeitsbegriffes und der Figur des Arbeiters in die nationalsozialistische Ideologie. Hierbei sind im wesentlichen vier Aspekte bedeutsam:

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Die Überwindung des „marxistischen Klassenkampfes“ durch die Einheit der NS-Volksgemeinschaft und die Nationalisierung von Arbeit

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Zweifellos war die Besetzung des Feiertages der Arbeiterbewegung eine willkommene Gelegenheit, die Überwindung des eigentlichen Gegners aus der Weimarer Republik, der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung, nun auch nach außen wirksam zu zelebrieren. Die Besetzung der Gewerkschaftshäuser – die Parteien waren ja bereits verboten – am 2. Mai 1933 war lediglich der praktische Vollzug dieser Maifeier. Goebbels selber hatte offenbar die Stärke der Gewerkschaften weit überschätzt, wie aus dem obigen Zitat hervorgeht, eine Einschätzung die er aber bereits Mitte April korrigierte. 5

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Die Auseinandersetzung mit der sozialistischen Arbeiterbewegung stand daher explizit nicht im Vordergrund, wurde aber in einer satirischen Hörfolge „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“ dem Hörerpublikum dargeboten. 6 Die Folge hatte der Intendant des Deutschlandsenders, Götz Otto von Stoffregen unter dem Pseudonym Orpheus der Zwote geschrieben. In lockeren Szenenfolgen wurde die Wandlung eines sozialdemokratischen und eines kommunistischen Arbeiter zu Nationalsozialisten dargestellt. So singt z.B. der nationalsozialistische Arbeiter, Orje‘ ‚Völker hört die Signale‘ und sagt dann, dass er als die einzigen Signale gehört habe, wie die Engländer und Franzosen dem deutschen Arbeiter die letzten Groschen aus der Tasche zögen. Allein die NSDAP, so Orje, hätte die richtigen Lösungsvorschläge für die Probleme und Nöte der Arbeiter in der Weimarer Republik, vor allem weil sie diese in die nationale Frage einbettete. D.h. die Nationalisierung der Bedeutung der Arbeit und des Arbeiters innerhalb der Volksgemeinschaftsideologie, die den Klassenkampf obsolet mache, führe zur Besserung der Lage der Arbeiter und damit des gesamten deutschen Volkes. Während in dieser Satire mit bemerkenswerter Deutlichkeit die Niederlage der sozialistischen Vorstellungen den Massen auf dem Tempelhofer Feld wie im Reich verkündet wurde, geschah das in den anderen Berichten und den beiden Hörspielen subtiler. Die „Symphonie der Arbeit“ war ein langes Gedicht (25 min), vorgetragen durch Sprechchöre. Mit großem Pathos wurde das Hohelied der Arbeit und vermittelt des Arbeiters gesungen, gemäß dem Motto des NS-Mais: ‚Ehret die Arbeit, achtet den Arbeiter‘. Mit religiösen Sentenzen „Mit uns der Anfang, mit uns das Ende, wir sind die Arbeit“ wurde die reale konkrete Arbeit der Realität enthoben: die reale Arbeitssituation, die Arbeiter und Arbeiterinnen 7, das alles spielt keine Rolle mehr zugunsten der gesichtslosen Masse, die mit militärischen Bildern belegt wird: „Wir sind das Heer der Hände“ sangen die Chöre.

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Nicht nur die Form, sondern auch das Pathos stand in der Tradition der sozialistischen Maifeier. Gerade in der Arbeiterkulturbewegung der Weimarer Republik, die ja in Konkurrenz zur sich verbreitenden Massenkultur stand, sollte die proletarische Festkultur, so der Kulturwille, diesozialdemokratische Monatszeitung, „zu einer kultischen Handlung werden. 8 Insofern wurde insbesondere in den Maifeiern diese Arbeiterkultur auch ästhetisch zelebriert. Das bedeutete zugleich, eine fast religiöse Überhöhung der Arbeit und der disziplinierten Gemeinschaft der Arbeiter. Gerade die Arbeitersprechchöre waren beliebtes Gestaltungsmittel, die diesem Pathos Ausdruck gaben 9 und die auf keiner Maifeier fehlten.

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Die Einheit des Volkes wurde zelebriert als Gegensatz zu der überwundenen Spaltung der Weimarer Republik: Nicht nur wurde die „Einheit des Arbeiters der Faust und der Stirn“ in vielen Facetten beschworen, auch die Überwindung des Trennenden durch regionale Differenz wurde auf die Bühne des Tempelhofer Feldes und im Radio in Szene gesetzt. Der Hörbericht, der um 10.00 vormittags ausgestrahlt wird, lässt acht namenlose Arbeiter zu Wort kommen, aus unterschiedlichen Berufen und Regionen, vom Hafenarbeiter in Hamburg, über den ostpreußischen Landarbeiter und dem Hüttenarbeiter aus dem Saarland, bis hin zu dem Winzer von der Mosel. All diesen Sprecher ist gemeinsam, dass sie die Überwindung der Not vom Nationalsozialismus erwarten, weil dieser die nationale Einheit verspreche. Darüber hinaus aber erwarten sie die Anerkennung der Arbeit durch die nationale Arbeit, und spiegeln hiermit das programmatische Motto des 1.Mai 1933 wider: „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter“, so überschrieb Goebbels einen Abschnitt in seinem Aufruf vom 25.April 1933. 10

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Die nationale Arbeit als Quell des wieder zu erweckenden Selbstbewusstseins des deutschen Volkes

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Die letzte Hörfolge, um 18.30 gesendet, 40 min. lang, also kurz vor der Dämmerung, in der die Reden von Goebbels und Hitler folgten, präsentierte einmal mehr die Bedeutung der Arbeit für die deutsche Nation. Unterbrochen von fiktiven Gesprächen eines Arbeiters, eines Vertreters des Staates und eines Vertreters der Industrie wurden die technischen und kulturellen Errungenschaften Deutschlands gepriesen. So wurde berichtet vom Hindenburgdamm, der die Insel Sylt mit dem Festland verbindet als Leistung deutscher Bauingenieurskunst, ebenso wie von einer Staustufe des Hohenzollernkanals im Märkischen und von der Eröffnung des „Deutschen Museums“ 1925 in München. Der Sprecher schilderte die Büsten der großen deutschen Männer im Foyer – und konstruierte die Genealogie von Kopernikus bis Krupp. Ein O-Ton der Eröffnungsrede des schwedischen Forschers Sven Hedin würdigte das Museum als „festgefügten Bau des Geistes“ und betonte, dass die Niederlage des Ersten Weltkriegs und deren Folgen zwar die deutschen Industrieanlagen habe zerstören können, nicht aber den deutschen Geist, der den sittlichen Wert des deutschen Volkes ausmache. Kultur in der Rede Hedins wiederum bedeutete die industrielle Kultur. D.h. auch in diesem Hörspiel wird Arbeit in ein nationales Narrativ eingebettet. Die Rede von der Überlegenheit der deutschen Kultur gegenüber der angloamerikanischen Zivilisation, wie sie eine lange Tradition hatte, wurde von Hedin nunmehr durch die Überlegenheit der industriellen Leistungen und Erfindungen Deutschlands behauptet, was zugleich die zentrale Aussage des Hörspiels darstellte. Hier standen nicht so sehr die Arbeiter im Vordergrund, sondern die technischen Leistungen, und damit der Ingenieur, ganz im Sinne des Mottos von der ‚Einheit der Arbeiter der Faust und der Stirn‘. Das aber das Verhältnis Ingenieur Arbeiter durchaus hierarchisch gestaltet war, zeigte eine kurze Unterhaltung zwischen einem Arbeiter und Ingenieur, in dem letzterer sehr von oben herab dem Arbeiter die Gründe für die Veränderungen der Arbeit an Schiffen, vom Nieten zum Schweißen erklärte. Doch letztlich appellierte die Hörfolge an den Stolz des deutschen Facharbeiters auf sein hergestelltes Produkt und seine Arbeit – mit Alf Lüdtke ist hier zu argumentieren, dass eben dieser Stolz zum Einfallstor auch der NS-Ideologie wurde. 11

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Die Modernität der deutschen Industrie und industrieller Arbeit und die Modernität des NS-Regimes

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Aber noch eine andere Linie ist zu ziehen: die Hörfolge preist die Modernität und den technologischen Fortschritt deutscher Industrie. Wenn in der „Symphonie der Arbeit“ das Hohelied deutschen Erfindungsgeistes und industrieller Produktion gesungen wird, so ist die Modernität Deutschlands und damit auch des Nationalsozialismus eine Facette des thematischen Kerns, der den Festtag prägte. Nahezu alle ‚Ikonen‘ der Moderne waren auf dem Tempelhofer Feld und im Radio präsent. Die Arbeiterdelegationen trafen mit dem Flugzeug auf dem Tempelhofer Feld ein, diese Arbeiter, alle verdiente Parteigenossen, wurden aus allen Regionen des Reichs eingeflogen, es war selbstverständlich ihre erste Flugreise, was sie auch den Reportern, die sie mit dem Mikrofon in Empfang nehmen, mitteilten. Und natürlich drückten sie ihre Bewunderung für den Führer aus, der bereits während seines Wahlkampfes ein Flugzeug benutzte. Auch diese life Interviews wurden übertragen und waren auf den Aufmarschplätzen in den Städten zu hören. Das gilt auch für eine Übertragung aus dem Luftschiff ‚Zeppelin‘, das auf Deutschlandreise über Berlin flog und hier berichtete der Chefredakteur des Wolffschen Telegraphenbüros, Alfred Ingemar Berndt, der sich sofort in seinem Bericht als Nationalsozialist zu erkennen gab, von den überallher strömenden Menschen, die zum Tempelhofer Feld marschierten, bzw. sich den SA- und SS-Zügen anschlossen, deren Uniformen sich mit dem „einfachen Kleid des Arbeiters“ mischten, von den Gartenkolonien, in denen vormals die roten Fahnen geflattert hätten und die nunmehr mit den Hakenkreuzfahnen geschmückt wurden. Kurzum aus der Vogelsperspektive schilderte Berndt eine begeisterte ‚Volksgemeinschaft‘, die den nationalsozialistischen 1. Mai feierte. Der Zeppelin, eine Ikone deutscher Ingenieurskunst, wurde hier zum Zeichen der Modernität des nationalsozialistischen Regime, mit ihm konnte Raum und Zeit ebenso wie durch das Radio überwunden werde. Aus der Vogel Perspektive des Luftschiffs wurden alle Dissense und Gegensätze unsichtbar – die NS-Volksgemeinschaft schien Wirklichkeit.

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Die Militarisierung der Arbeit: Der Arbeiter als Soldat und der Soldat als Arbeiter

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Das Bild auf dem Tempelhofer Feld war dominiert von den braunen Uniformen der SA und SS, zweifellos eine große Differenz der Maifeiern der Arbeiterbewegung. Allerdings waren auch die Maidemonstrationen der Weimarer Republik geprägt von den uniformierten Schutzverbänden wie dem Reichsbanner. Die Militarisierung des Arbeiters hingegen blieb Joseph Goebbels vorbehalten, der bevor Hitler das Wort ergriff, eine Totenrede auf sieben Bergarbeiter, die am Tage zuvor in Essen verunglückt waren, und in einem Atemzug auf zwei ermordete SA-Männer in Naumburg und Kiel hielt. In dieser Rede beschwor Goebbels das letzte Sinnfundament der nationalsozialistischen Revolution, den Opfertod für Volk und Nation: „Die neun Soldaten der Arbeit und der Politik fallen auf dem Feld der Ehre. Die ganze deutsche Nation erhebt sich in diesem feierlichen Augenblick und ehrt das Andenken dieser gefallenen Soldaten durch eine Minute ehrfurchtsvollen Schweigens.“ 12 (zit. nach Heuel 1989: 141). In seinem Tagebuch notierte er: „Nun steht die ganze Nation still. Die Lautsprecher tragen die Stille über Stadt und Land.“ 13

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In dieser Gleichsetzung von Soldat und Arbeiter zusammen mit der Ehrung ihres Opfertodes unterstrich Goebbels hier das eigentliche Fundament der nationalsozialistischen Arbeit, dass in den Folgejahren überaus sichtbar und hegemonial wurde, die Gleichsetzung von Arbeiter und Soldat. Diese Militarisierung bestimmte auch das Bild der Maifeiern zunehmend: 1936 traten die Formationen der Wehrmacht gemeinsam mit den „Soldaten der Arbeit“ zum 1. Mai an. 1938 wirkte die Scheinwerferbatterie des Flak-Regiment 32 aus Oldenburg an dem Feuerwerk am Weserdeich mit, unter dem Programmpunkt „Flammen und Fanfaren“. 14

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Das Idealbild des deutschen Arbeiters aber wurde der ‚Frontarbeiter‘, der mit der Organisation Todt die Befestigungen des Westwalls etc. errichtete. Oder wie Robert Ley 1941 wenige Wochen vor dem Angriff auf die Sowjetunion schrieb: „Er [der Frontarbeiter] ist die sichtbare Synthese zwischen Arbeiter und Soldat und damit auch sichtbarer Ausdruck unseres neuen, revolutionären deutschen Arbeitertums! [...] Der Frontarbeiter ist zum Vorbild für das zukünftige deutsche Arbeitertum insgesamt geworden.“ 15

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Schlussbemerkungen

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Betrachtet man den 1. Mai 1933 als „Medienevent“, so wird deutlich, dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Möglichkeiten des damaligen immer noch recht neuen Mediums, des Rundfunks beispielhaft nutzte, um diesen traditionellen Tag der Arbeiterbewegung umzudeuten. Medial wurden unterschiedliche Facetten des nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs transportiert und inszeniert. Auffällig ist, dass an diesem 1. Mai 1933 keinerlei rassistische Grundierung zu beobachten ist. Die Konstruktion des deutschen Arbeiters und der nationalen Arbeit schloss von vornherein Juden aus. Weitgehend unsichtbar waren auch die Frauen, die allein am Vorabend auf dem Brocken „hörbar“ waren.

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Wichtig war in der Gestaltung des „nationalen Mais“, dass diese Facetten durchaus anschlussfähig waren für Vorstellungen, wie sie auf den sozialistischen Maifeiern zelebriert worden waren. Das galt sowohl für die Inhalte wie für die ästhetischen Formen. In einer hochgradig verdichteten medialen Kommunikation – allein wenn man die Länge der Übertragungen, das damals noch Unerhörte der Livesendungen, wie die Logistik der Besetzung des öffentlichen Raumes durch die Lautsprechersäulen – bedenkt, wurden hier mediale Angebote zur Integration der sozialdemokratischen und wohl auch kommunistischen Arbeiter gemacht, und zwar sowohl über die Einbettung in ein nationales Narrativ wie über Faszination der Modernität, Stolz auf die eigene Arbeit und Überwindung der Klassenideologie durch die Anerkennung des Wertes der Arbeit. Damit wurde der thematische Kern, die Nationalisierung der Arbeit zwar aufgesplittert, blieb aber das Zentrum des Events. Die Gleichsetzung des Arbeiters der Faust mit dem der Stirn allerdings wurde bereits auf dem Tempelhofer Feld zugespitzt durch die Gleichsetzung von Arbeiter und Soldat. Wie die folgenden Maifeiern zeigen, wurde die Militarisierung von Arbeit und des Arbeiters zum zentralen Narrativ: Aus den Maifeiern wurden militärische Aufmärsche mit bewaffneten Wehrmachtseinheiten in vorderster Front, die gemeinsam mit der Arbeiterschaft zum „Generalappell der Nation“, wie Hitler es 1936 formulierte, antraten. 16

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Literatur

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Klaus Dyck/ Jens Joost-Krüger, „Unsrer Zukunft eine Gasse“. Eine Lokalgeschichte der Bremer Maifeiern, in: Inge Marßolek (Hrsg.), 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1.Mai, Frankfurt/Main 1990: 191–258.

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Joseph Goebbels, Tagebücher 1924–1945, Bd. 2 : 1930–1934, hrsg. von Ralf Georg Reuth, München 1992.

27 0

Rüdiger Hachtmann, zeitgeschichte-online.de, Vom „Geist der Volksgemeinschaft durchpulst“– Arbeit, Arbeiter und die Sprachpolitik der Nationalsozialisten. Ein Themenschwerpunkt auf Zeitgeschichte-online, zeitgeschichte-online, [http://www.zeitgeschichte-online.de/zol-sprachpolitik-2010] eingesehen am 20.06.2013.

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Eberhard Heuel, Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933-1935, Frankfurt/Main 1989.

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Andreas Hepp/ Veronika Krönert, Medien – Event – Religion: Die Mediatisierung des Religiösen, Wiesbaden 2009.

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Inge Marßolek (Hrsg.), 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1. Mai, Frankfurt/Main 1990.

31 0

Inge Marßolek, „Aus dem Volke, für das Volk“. Die Inszenierung der „Volksgemeinschaft“ in und durch das Radio, in: Dies./Adelheid von Saldern (Hrsg.), Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft 1924-1960, Potsdam 1999, S. 121–135.

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Inge Marszolek, „Nur keine Öde“. Radio im Nationalsozialismus, in: Klaus Arnold/Christoph Classen u.a. (Hrsg.), Von der Politisierung der Medien zur Medialisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20. Jahrhundert, Leipzig 2010, S. 161–182.

33 0

Alf Lüdtke, „Deutsche Qualitätsarbeit“ – ihre Bedeutung für das Mitmachen von Arbeitern und Unternehmern im Nationalsozialismus, in: Aleida Assmann/Frank Hiddennau/Eckhard Schwarzenberger (Hrsg.), Firma Topf und Söhne – Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort? Frankfurt/M. 2002, S. 123–138.

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  1. Eberhard Heuel, Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933-1935, Frankfurt/Main, 1989, S. 50
  2. Joseph Goebbels, Tagebücher 1924-1945, Bd.2: 1930–1934, hrsg. von Ralf Georg Reuth, München 1992, S. 798.
  3. Andreas Hepp/Veronika Krönert, Medien – Event – Religion: Die Mediatisierung des Religiösen, Wiesbaden 2009.
  4. Inge Marszolek, „Nur keine Öde“. Radio im Nationalsozialismus, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hrsg.), Von der Politisierung der Medien zur Medialisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20.Jahrhundert, Leipzig 2010, S. 161–182.
  5. Heuel, Der umworbene Stand, 1989, S.5.
  6. Das Tonmaterial des 1.Mai 1933 befindet sich im deutschen Rundfunkarchiv. Teile sind von Eberhard Heuel transkribiert und im Anhang seines Buches. Ich beziehe mich im wesentlichen auf Mitschnitte des Materials, wie sie von Radio Bremen am 30.April/1.Mai von Radio Bremen in der „Langen Nacht des Ersten Mai“ gesendet wurden.
  7. Auffällig ist, dass im gesamten Radioprogramm und auch auf dem Tempelhofer Feld selber, Frauen nicht vorkamen. Das blieb der vorabendlichen Feier auf dem Brocken vorbehalten, wo auch Delegationen des BDM anwesend waren und auch eine seiner „Führerinnen“ reden durfte.
  8. Kulturwille 1928, H.10:183
  9. Inge Marszolek, Von Freiheitsgöttinnen, dem Riesen Proletariat und dem Aufzug der Massen. Der 1. Mai im Spiegel der sozialdemokratischen Maizeitungen 1891-1932, in: Dies. (Hrsg.), 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1. Mai, Büchergilde Gutenberg 1990, S. 145–170; S. 167.
  10. Heuel, Der umworbene Stand, S.92
  11. Alf Lüdtke, Deutsche Qualitätsarbeit. Ihre Bedeutung für das Mitmachen von Arbeitern und Unternehmern im Nationalsozialismus, in: Aleida Assmann/Frank Hiddennau/Eckhard Schwarzenberger (Hrsg.), Firma Topf und Söhne – Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort?, Frankfurt/Main, 2002, S. 123–138.
  12. Heuel, Der umworbene Stand, 1989, S.141.
  13. Goebbels, Tagebücher, 1992, S. 798.
  14. Klaus Dyck/Jens Joost-Krüger, Unsrer Zukunft eine Gasse. Eine Lokalgeschichte der Bremer Maifeiern, in: Marßolek (Hrsg.), 100 Jahre, 1990, S. 230–235.
  15. Rüdiger Hachtmann, zeitgeschichte-online.de, Vom „Geist der Volksgemeinschaft durchpulst“– Arbeit, Arbeiter und die Sprachpolitik der Nationalsozialisten. Ein Themenschwerpunkt auf Zeitgeschichte-online, http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/vom-geist-der-volksgemeinschaft-durchpulst, eingesehen am 20.06.2013.
  16. Dyck/Krüger, Unsrer Zukunft eine Gasse, S. 234.