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Jens-Christian Wagner: Selektion und Segregation. Vernichtung und Arbeit am Beispiel Mittelbau-Dora

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Zwangsarbeit spielte im Häftlingsalltag der Konzentrationslager von Beginn an eine tragende Rolle, ihre Funktion änderte sich jedoch zwischen 1933 und 1945 erheblich. Bis in die ersten Kriegsjahre hinein war sie an erster Stelle ein Herrschafts- und Gewaltinstrument der SS; ihre Funktion changierte zwischen Erziehung und Terror. Dementsprechend wählte die SS die Arbeitsorte: Überwiegend wurden die Gefangenen bei körperlich schweren und häufig entwürdigenden Tätigkeiten eingesetzt, etwa in der Moorkultivierung oder in Steinbrüchen. Versuche, die Häftlinge in SS-eigenen Wirtschaftsbetrieben und Rüstungsfabriken zur Zwangsarbeit heranzuziehen, blieben auf Ausnahmen beschränkt. Ziel war es, den Willen und die Persönlichkeit der Häftlinge zu brechen. Ökonomisch blieb die Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern in dieser Zeit weitgehend bedeutungslos. 1

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Die Terrorfunktion der Arbeit blieb bis 1945 erhalten. Mit dem zunehmenden Arbeitskräftemangel in der deutschen Kriegswirtschaft kam jedoch 1942/43 nach dem Scheitern der deutschen Blitzkriegsstrategie eine wichtige ökonomische Funktion hinzu: die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häft­linge für die deutsche Kriegswirtschaft. KZ-Häftlinge sollten nun die Lücken schließen, die in den Betrieben durch Einberufungen zur Wehrmacht und durch den versiegenden Strom an Kriegsgefangenen und zivilen ausländischen Zwangsarbeitern entstanden waren. Nachdem im September 1942 nach Verhandlungen zwischen der SS und Rüstungsminister Albert Speer und einem „Führerentscheid“ die Grundsatzentscheidung für den externen Einsatz von KZ-Häftlingen bei Rüstungsunternehmen gefallen war (die SS hatte sich mit ihrer Forderung, dass stattdessen Rüstungsfertigungen in die Konzentrationslager verlagert werden sollten, nicht durchsetzen können), forderten immer mehr Unternehmen KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter an, für deren Bereitstellung sie der SS bzw. dem Reich ein pauschales Tagesentgelt von 4 RM für Hilfs- und 6 RM für Facharbeiter zahlen mussten. Neben der Rüstungsindustrie war die Bauwirtschaft die zweite große Branche, in der KZ-Häftlinge arbeiten mussten, vor allem auf Großbaustellen bei der Verlagerung von Rüstungsbetrieben in Bunker und Untertageanlagen.

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Die Folge dieser Entwicklung war ein starker Anstieg der Häftlingszahlen und der Lager. Zwischen Sommer 1943 und Anfang 1945 verdreifachte sich die Zahl der KZ-Häftlinge nahezu von 224 000 auf mehr als 700 000. 2 Noch stärker stieg die Zahl der Lager an, denn die meisten Häftlinge waren nun nicht mehr in den zentralen KZ-Hauptlagern untergebracht, sondern in dezentralen Außenlagern, die – in großer Eile und häufig sehr improvisiert – von den Firmen in der Nähe der Werkhallen oder der Baustellen eingerichtet wurden. Ende 1943 existierten bereits fast 260, im Juli 1944 fast 600 und im Januar 1945 über 730 Lager 3 – und das, obwohl der deutsche Herrschaftsbereich in diesem Zeitraum erheblich geschrumpft war und zahlreiche Lager im Osten wie im Westen mit der Deportation ihrer Insassen in das Innere des Reichsgebietes schon wieder aufgelöst worden waren. Im Winter 1944/45 gab es kaum noch eine Stadt im Deutschen Reich, in der sich nicht ein KZ-Außenlager befand.

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Beispielhaft für diese Entwicklung ist die Geschichte des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Gegründet wurde Dora Ende August 1943 als Außenlager des KZ Buchenwald im Zuge der Verlagerung der Raketenrüstung von Peenemünde in eine vor Luftangriffen geschützte Stollenanlage im Kohnstein bei Nordhausen am südlichen Harzrand. Anfang 1944 kamen weitere Bau- und Rüstungsprojekte hinzu: Nach dem Vorbild des unterirdischen Raketenwerkes sollten im Südharz neue Stollenanlagen vorangetrieben werden, in die Flugzeugfabriken des Junkers-Konzerns und später auch Treibstoffraffinerien verlagert werden sollten. Allerdings wurde angesichts des nahenden Kriegsendes kaum eine der geplanten Untertageanlagen auch nur annähernd fertiggestellt. Als Arbeitskräfte für die Bauprojekte wurden neben zivilen ausländischen Zwangsarbeitern und deutschen Aufsichtskräften vor allem KZ-Häftlinge herangezogen, für deren Unterbringung die SS in der Nähe der Baustellen improvisierte KZ-Außenlager einrichtete. Im Herbst 1944 wurden diese aus der Verwaltung des KZ Buchenwald herausgelöst und mit dem Lager Dora zum nunmehr selbständigen KZ Mittelbau zusammengefasst. Dieses umfasste Anfang 1945 fast 40 Einzelllager mit zusammen über 40 000 Insassen. 4

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Mittelbau-Dora war eines der ersten und das am Ende weitaus größte Konzentrationslager, das ausschließlich mit dem Ziel gegründet wurde, die Arbeitskraft seiner Insassen für die Kriegswirtschaft auszunutzen. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der ökonomischen Zielsetzung war im KZ Mittelbau eine sehr hohe Todesrate zu verzeichnen, vor allem zu Beginn, während des Stollenausbaus im Kohnstein im Herbst und Winter 1943/44, und in den letzten Monaten vor der Lagerräumung im April 1945. Etwa 20 000 der insgesamt 60 000 Häftlinge, die nach Mittelbau-Lager deportiert wurden, haben das Lager, das nur anderthalb Jahre existierte, nicht überlebt. Anders als in den Vernichtungslagern starben die meisten Häft­linge nicht durch gezielte Mordhandlungen, sondern an den Folgen von Hunger und katastrophalen hygienischen Bedingungen sowie vor allem infolge der auszehrenden Zwangsarbeit. Diese führte insbesondere auf Baustellen unter Tage innerhalb weniger Wochen oder allenfalls Monate zur vollständigen Erschöpfung und damit zum Tod.

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Die hohen Todesraten bei unterirdischen Verlagerungsvorhaben wie denen des KZ Mittelbau-Dora können auf den ersten Blick kaum den Gedanken aufkommen lassen, die SS habe hier auch nur rudimentär ökonomisch-rational gehandelt, ließ man doch die Menschen sterben, deren Arbeitskraft man eigentlich dringend benötigte. Vielfach wird daher in der Fachliteratur das Beispiel des KZ Mittelbau-Dora zur Unter­mauerung der These herange­zogen, am ideologisch motivierten Ziel der Vernichtung habe sich, so etwa die Historiker Hermann Kaienburg und Miroslav Karný, trotz allen kriegswirtschaftli­chen Pragmatismus bis 1945 nichts geändert, ein Funktionswandel im KZ-System sei nicht feststellbar. Programmatisch zeige sich die unverändert exterminatorische Haltung der SS am Konzept der „Vernichtung durch Arbeit“. 5

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Nun suggeriert dieser Begriff, so treffend er im deskriptiven Sinn auch sein mag, in analytischer Perspektive eine Programmatik, die es bezogen auf alle Häftlingsgruppen so nicht gegeben hat. 6 In den bis­her bekannten Quellen findet sich die Formulierung lediglich in zwei Aktennotizen von September 1942, die Gespräche zwischen dem erst kurz zuvor ernannten Reichsjustizminister Otto Georg Thierack mit Propagandaminister Joseph Goebbels und SS-Chef Heinrich Himmler wie­dergeben. Danach geht der Gedanke der „Vernichtung durch Ar­beit“ auf Goebbels zurück, mit dem Thierack am 14. September 1942 über die Überstellung von Gefan­genen aus dem Strafvollzug in die Konzentrationslager und ihre anschließende Vernichtung beriet. Ausgehend vom Ergebnis dieses Gespräches vereinbarte Thierack wenige Tage später formell mit Himmler die „Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit“. Ausgeliefert werden sollten, so einigten sich Thierack und Himmler, „die Sicherungsverwahrten, Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer, Polen über 3 Jahre Strafe, Tschechen oder Deutsche über acht Jahre Strafe nach Entscheidung des Reichsju­stizministers.“ 7 Dieser Vereinbarung folgend überstellte die Justiz von September 1942 bis zum Kriegsende über 20 000 Gefangene an die Konzentrationslager, unter ihnen mehr als die Hälfte „Sicherungsverwahrte“ (im KZ-Jargon wurden sie SVer oder auch „Schwerverbrecher“ genannt). 8 Rund 800 überwiegend deutsche Sicherungsverwahrte brachte die SS im Herbst 1943 von Buchenwald nach Mittelbau-Dora. Fast die Hälfte von ihnen starb dort innerhalb weniger Monate. Damit litten die Sicherungsverwahrten in Dora unter einem höheren Vernichtungsdruck als alle anderen Häftlingsgruppen, und mit gewisser Berechtigung lässt sich in diesem Fall tatsächlich ein Programm der „Vernichtung durch Arbeit“ nachweisen. 9

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Ein auf alle Häftlingsgruppen bezogenes Vernichtungsprogramm ist damit aber noch lange nicht belegt, erst recht nicht für die gesamte Zeit von 1942 bis zum Kriegsende – war doch die Situation von 1942 weder im ge­samtöko­nomischen Rahmen noch im KZ-System mit der des letz­ten Kriegsjahres vergleichbar. Auch als Kompromissformel für den scheinbaren Gegensatz zwischen den Polen Arbeit und Vernichtung taugt der Begriff nicht, denn insbesondere in den letzten Kriegsmonaten löste sich dieser Gegensatz, wie noch zu zeigen sein wird, sukzessive auf. Schließlich führt „Vernichtung durch Arbeit“ auch als generalisierender Begriff in die Irre, nivelliert er doch die erheblichen Unterschiede bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge je nach ihrer Herkunft bzw. Haftkategorie und dem Charakter der Arbeit, zu der sie herangezogen wurden.

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Es ist daher angebracht, sich zumindest im analytischen Sinn vom leitenden Begriff der „Vernichtung durch Arbeit“ zu tren­nen. Ertragreicher als Formeln, die eine falsche Schlüssigkeit suggerieren, ist für die Frage nach dem Wechselverhältnis von Vernichtung und Arbeit der genaue Blick auf die Existenzbedingungen unterschiedlicher Häftlingsgruppen und auf die Selektionskriterien, nach denen SS-„Arbeitseinsatz“-Dienststellen, Unternehmen und Lagerärzte über Leben und Tod entschieden. Hinweise darauf geben einige Berichte von SS-Ärzten vom Winter und Frühjahr 1943/44, die erst vor wenigen Jahren in den Handakten des Buchenwalder SS-Arztes Erwin Ding-Schuler in einem Brüsseler Archiv gefunden wurden. 10

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Im Dezember 1943 schrieb der SS-Arzt Dr. Karl Gross 11, der vom Hygiene-Institut der Waffen-SS in Berlin zu einer Inspektion nach Nordhausen geschickt worden war, einen denkbar negativen und wohl recht realistischen Bericht über die hygienischen Zustände im Lager Dora, dessen Häftlinge zu dieser Zeit noch fast ausschließlich in „Schlafkammern“ im Stollen untergebracht waren. Dort herrschten katastrophale Bedingungen. „Auffallend sind Schwer- und Schwerstkranke sowie auch Sterbende am Arbeitsplatz“, schrieb Gross, und weiter: „Die Häftlinge machen zum großen Teil einen frierenden Eindruck. Die Bekleidung ist für die Arbeit im Stollen (starker Durchzug) unzureichend. Das Schuhwerk ist zum Teil mangelhaft. [...] Sanitäre Anlagen im Stollen (Arbeitsstellen, Schlafstollen) gibt es nur im Projekt. Die Zustände sind als katastrophal zu bezeichnen. In zerbeulte, niedere Blechkübel, die – soviel man sehen konnte – alle überfüllt und außen vollkommen verschmutzt waren, versuchen die Häftlinge ihre Notdurft zu verrichten. Die kleine Notdurft wird frei im Stollen verrichtet. Beim Abtransport der Kübel konnte mehrfach das Verschütten des Inhaltes beobachtet werden (Kotpfützen!). Waschgelegenheiten im Stollen gibt es ebenfalls nicht.“ 12

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Man könnte auf die Idee kommen, dass aus dem Bericht des SS-Arztes humanitär motivierte Empathie spricht. Tatsächlich offenbart er jedoch einen rein utilitaristisch motivierten kalten ökonomischen Blick, der ganz der Logik des KZ-Systems entsprach, wie sich an den „Vorschlägen für das Lager ‚Dora’“ zeigt, die Gross am Ende seines Berichtes gab. Darin forderte er u.a., „zumindest die wertvollen Facharbeiter unter den Häftlingen mit warmen Kleidungsstücken (Pullover, Wollstrümpfe usw.) auszustatten und dieselben auch unterbringungsgmäßig von den übrigen Häftlingen zu trennen“, zudem „regelmäßige Gesundheitsappelle zur Erfassung schwerkranker Häftlinge“ sowie „eine entsprechend strenge Auswahl der Häftlinge“, „um eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial [...] zu vermeiden“, ferner der „Bau eines Krematoriums so bald als möglich“ („hierbei ist sofort an ausreichenden Verbrennungsraum zu denken“), und schließlich „die Errichtung eines Ausweichlagers für arbeitsunfähige Häftlinge“. 13

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Im Grund fasste der SS-Arzt hiermit im Dezember 1943 bereits zusammen, was 1944 für den entstehenden KZ-Komplex Mittelbau-Dora konstitutiv werden sollte: Selektion und Segregation waren die zentralen Schnittstellen zwischen den Polen Arbeit und Vernichtung. Entscheidend waren dabei die körperliche Verfassung und die beruf­liche Qualifikation der Häftlinge sowie der Charakter der Arbeit, zu der sie heran­gezogen wurden.

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Die SS-Führung im Lager Dora setzte die Vorschläge von SS-Arzt Gross zügig um. Am 6. Januar 1944, nur zwei Wochen, nachdem Gross seinen Bericht geschrieben hatte, verließ ein erster Transport mit 1000 als arbeitsunfähig ausgemusterten Häftlingen Dora in Richtung Lublin-Majdanek. Einen Monat später folge ihm ein zweiter Transport mit ebenfalls 1000 Häftlingen, und Anfang April 1944 überstellte die SS einen dritten Transport mit kranken und sterbenden Häftlingen in das KZ Bergen-Belsen. Kaum einer der in das KZ Majdanek und nur wenige der nach Bergen-Belsen überstellten Häftlinge haben überlebt. 14

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Hintergrund der Abschiebung nicht mehr arbeitsfähiger Häftlinge war eine Umstrukturierung im Lager Dora, die ab Januar 1944 mit dem Anlaufen der Raketenmontage im nun nahezu fertig gestellten unterirdischen Raketenwerk einherging. Viele der Häft­linge, welche die kräftezehrenden Ausbauarbeiten im Mittelwerk im Herbst und Winter 1943/44 überlebt hatten, meinten die SS und die Firmenleitung in der Produktion nicht mehr gebrau­chen zu können, da sie entweder körperlich zu geschwächt oder für die Arbeit an den Monta­gebän­dern beruflich nicht qualifiziert schienen. Nach Angaben des SS-Lagerarztes Dr. Karl Kahr soll sich die Mittelwerk GmbH nach Anlaufen der Produktion mehrfach bei der SS beschwert haben, dass sie Tagesentgelte für Häftlinge entrichten musste, die nicht mehr arbeitsfähig seien. 15 Für die Fertigung der A4-Rakete wurden deshalb neue, in anderen Konzentrationslagern ausgewählte Gefangene nach Dora gebracht. Unter den alten „Bauhäftlingen“ (so der Quellenbegriff in den SS-Akten) nahm die SS „ärztliche Reihenuntersuchungen“ (richtig: Selektionen) vor, deren Ziel „die Ausscheidung der Schwächlinge war“, wie SS-Arzt Dr. Joachim Mrugowski Anfang April 1944 in einem Vermerk für SS-Bauchef Hans Kammler schrieb. 16

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Die ganz schwachen, sterbenden Häftlinge schob die SS nach solchen Selektionen nach Majdanek und Bergen-Belsen ab. 17 Diejenigen, die zwar für die Raketenmontage nicht (mehr) geeignet schienen, aber noch über einen Rest an Arbeitskraft verfügten, wurden Baukommandos zugewiesen – zunächst noch im Lager Dora, bald aber vor allem in den seit März 1944 entstehenden Außenlagern in der Umgebung von Nordhausen. Dort mussten sie wei­terhin im Stollenvortrieb oder auf Baustellen über Tage arbei­ten. So gelangten aus Dora allein in das gefürchtete Lager Ellrich-Juliushütte, das Anfang Mai 1944 eingerichtet wurde und dessen Insassen ausschließlich in Baukom­mandos einge­setzt waren, etwa 10 000 Häftlinge. Darunter waren nicht nur Gefangene, die zuvor schon beim Stollenausbau für das Mittelwerk eingesetzt worden waren, sondern auch solche, die neu aus dem KZ Buchenwald herangebracht wurden.

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Das Lager Dora entwickelte sich seit dem Frühjahr 1944 zu einer Drehscheibe des Häft­lingsverschubs und übernahm damit schnell Funktionen eines Hauptlagers: Neu aus Buchenwald eintreffende Häftlinge wurden auf ihre Tauglichkeit für die Raketenmontage untersucht, und im Falle, dass sie physisch oder fachlich nicht tauglich schienen, in die Baulager der Umgebung weitergeleitet.

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Die Gründung der im Südharz gelegenen KZ-Außenlager erfolgte im Zusammen­hang mit der Bildung des „Jäger­stabs“ und der Untertage­verlage­rung der Luft­rüstung ab dem Frühjahr 1944. Rund um Nordhau­sen sollten im Rah­men des Jägerprogramms, das die Produktionszahlen von Jagdflugzeugen erhöhen sollte, nach dem Vorbild des Mittelwerkes unterir­dische Verlagerungs­betriebe für den Junkers-Konzern entste­hen. Daneben begann man, die für den geplanten Rüstungskomplex im Südharz nötige Infrastruktur zu schaffen; es wurden Stromleitungen gelegt, Straßen und Bahnlinien gebaut sowie Baracken­lager für die erwartete Belegschaft der geplanten Rüstungsbetriebe errichtet. Nach der Gründung des „Geilenbergstabs“ kamen im Sommer 1944 weitere Untertage­ver­lagerungsprojekte der Mineralölindustrie hinzu. 18 Der enorme Arbeitskräfte­bedarf für diese Projekte wurde zu einem großen Teil durch KZ-Häft­linge, aber auch durch zwangsrekrutierte ausländi­sche Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und dienstverpflichtete Deutsche gedeckt, insgesamt rund 100 000 Personen. Angesichts des nahen­den Kriegsendes ist jedoch trotz des rücksichtslosen Ein­satzes besonders der KZ-Häftlinge kaum eines der Projekte des „Unternehmens Mittelbau“ auch nur annähernd fertigge­stellt worden. Das Rüstungszentrum im Südharz blieb weitgehend eine Fiktion. Sein einziges reales Produkt war der tausendfache Tod von Häftlingen und Zwangsarbeitern, die in sinnlosen Bauprojekten verheizt wurden.

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Die meisten im Zusammenhang mit der Untertageverlagerung eingerichteten Mittelbau-Lager lagen in einem relativ eng umris­senen Gebiet um Nordhausen. Neben dem Hauptlager Dora, das mit durchschnittlich etwa 15 000 Häftlingen belegt war, bildeten die Lager Ellrich (gegründet am 2. Mai 1944, belegt mit durch­schnittlich etwa 8000 Häftlingen) und Harzungen (eingerichtet am 1. April 1944, belegt mit durchschnittlich 4000 Häftlingen) den Kern des Mittelbau-Komplexes. Alle anderen Mittelbau-Lager waren mit maximal 1500 Häftlingen, teils aber auch nur einigen Dutzend Gefangenen, wesentlich kleiner. Erst im Januar 1945 kam mit der Nordhäuser Boelcke-Kaserne ein weiteres großes Lager hinzu. Anfangs diente es vor allem der Unterbringung der in Nordhäuser Rüstungsbetrieben arbeitenden Häftlinge. Seit Februar 1945 war es aber vorrangig das zentrale Kranken- und Sterbelager des KZ Mittelbau, in das alle Häftlinge abgeschoben wurden, die so erschöpft waren, dass ihre Arbeitskraft auch auf Baustellen nicht mehr ausgebeutet werden konnte. 19 Im März 1945 war das Lager mit fast 6000 Häftlingen belegt.

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Die räumliche Trennung von Bau- und Produktionskommandos sowie Kranken- und Sterbezonen war für die Herausbildung des Lagerkomplexes Mittelbau-Dora konstitutiv. Entscheidend war der Wert, den SS und Firmenleitungen den einzelnen Häftlingen je nach Charakter der von ihnen erzwungenen Arbeit beimaßen. Arbeitskommandos in Rüstungsbetrieben boten aufgrund der besseren Arbeitsbedin­gun­gen vergleichsweise größere Überle­bens­chancen, da beruflich Qua­lifizierte für die von ihrer Arbeitskraft profitie­renden Betriebe einen Wert darstell­ten, der nicht ohne weiteres ersetzt werden konnte. Entsprechend achteten die SS und die Betriebsleitungen in diesem Fall zumindest ansatz­weise darauf, dass auch die Bedingungen im Lager sich nicht kontraproduk­tiv auf den Fertigungsablauf auswirkten und die „Fertigungshäftlinge“ von den „Bauhäftlingen“ getrennt untergebracht waren. Dies ist der Hintergrund für den bereits zitierten Vorschlag von SS-Arzt Dr. Karl Gross von Dezember 1943, die Facharbeiter des Mittelwerkes „unterbringungsgmäßig von den übrigen Häftlingen zu trennen.“ 20. Auch sonst wurden in Bau- und Fertigungskommandos arbeitende Gefangene unterschiedlich behandelt. So gab es für die in Produktionskommandos eingesetzten Häftlinge eine bessere Verpflegung, und auch in der medizinischen Versorgung wurden sie vorgezogen. 21 Als beispielsweise im Mai 1944 die ersten Fleck­fieberfälle im Lager Dora auftraten, ordnete die Lagerleitung nicht für alle Lagerinsassen Schutzimpfungen an, sondern lediglich für das Revierpersonal und für „die für das Werk wichtigen Häft­lingsfacharbeiter“, wie es im Monatsbericht des Lagerarztes Dr. Karl Kahr hieß. 22

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Anders als in den Produktionskommandos sah es auf den zahlreichen Baustellen aus: Die beruflich nicht für die Produktion qua­lifi­zierten „Bauhäft­linge“, und das war die Mehrzahl der Häft­linge nicht nur in den Mittelbau-Lagern, brauchten kaum angelernt zu werden, und sie schienen leicht aus­tauschbar zu sein, was eine Verschub­praxis auslöste, die sich katastrophal auf die Existenz­bedingun­gen und Überlebenschancen der Häftlinge auswirkte: Entkräftete oder beruflich nicht qualifizierte Häft­linge, die in den Produktionskom­mandos des Hauptlagers Dora oder „besseren“ Baukom­mandos einzelner Außen­lager nicht oder nicht mehr aus­ge­beutet werden konnten, schob man auf Baustellen ab. Bei minimaler Versorgung wurde dort der letzte Rest an Arbeitskraft aus ihnen herausgeprügelt.

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Die mei­sten Häftlinge durchliefen im KZ Mittelbau-Dora auf diese Weise einen Leidensweg, der sie in immer kürzeren Abstän­den von einem Lager ins nächste führte und schließlich in den Sterbezonen der Krankenreviere oder, seit Februar 1945, in der Boelcke-Kaserne in Nordhausen endete. Während die Sterblichkeit im Hauptlager Dora auf diese Weise seit dem Frühjahr 1944 bis zur Auflösung des Lagers im April 1945 auf einem relativ niedrigen Niveau blieb, stieg sie in den Außenlagern und insbesondere in der Boelcke-Kaserne seit Herbst 1944 dramatisch an (siehe Abb. 1). Diese Praxis der mobilen Selektion erlaubte es der SS und den von der Häftlingsarbeit profitierenden Firmen, bei minima­ler Versorgung ein Maximum an Leistung aus den Häftlingen herauszuholen. Eine wesentli­che Rolle spielte dabei der Faktor Zeit: Angesichts des nahenden Kriegs­endes und des enormen Zeitdrucks, unter dem die Bauprojekte vorangetrieben wurden, löste sich mit dem Verzicht auf den Erhalt der Ressour­cen der Grund­widerspruch zwischen dem wirtschaftlich begründe­ten Interesse am Erhalt der Häftlings­arbeitskraft und der ideolo­gisch motivierten Vernichtungs­absicht weitge­hend auf. Da ohne­hin nur noch im Zeitraum von wenigen Wochen oder Monaten gerechnet wurde, bestand auch bei den beteiligten Betrieben an einer mittel- oder gar langfristigen Reproduktion der Häftlings­arbeitskraft kein Interesse mehr. 23

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Wagner Abb1Abbildung 1. Todeszahlen im KZ Mittelbau-Dora 24

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Prinzipiell gilt dieser Befund für alle Häftlingsgruppen gleichermaßen – sowohl für jüdische Häft­linge also, die ohnehin unter einem hohen rassistisch motivierten Vernichtungsdruck standen, als auch für nichtjüdische Westeuropäer, die auf der von der SS vorgege­benen rassistischen Stufenleiter wesentlich weiter oben standen: Letztlich tötete die Zwangsarbeit alle Häftlinge. Etwas differenzierter ist der Befund allerdings, wenn man genauer auf die einzelnen Häftlingsgruppen schaut. Hier zeigt sich, dass die Sterb­lichkeitsraten (und damit wohl auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen) der einzelnen Gruppen sehr unterschiedlich waren – und das weitgehend unabhängig von den von der SS vorgegebenen rassistischen Hierarchien.

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Wagner Abb2Abbildung 2: Prozentualer Anteil der Häftlingsgruppen nach Herkunft bzw. Haftgruppe an den Gesamtzahlen aller Häftlinge und aller registrierten Todesfälle im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte, Mai 1944 bis März 1945 25

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Deutlich werden die unterschiedlichen Todeszahlen je nach Herkunft oder Haftkategorie, wenn man sich die entsprechenden Zahlen für das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte ansieht (Abbildung 2). 26 Nun ist das Berechnen und der Vergleich von Mortalitätsraten im KZ wegen der dürftigen Quellenlage und ganz prinzipiell aus ethischen Erwägungen fragwürdig. Um überhaupt analytische Aussagen über die Gründe für das Massensterben treffen, kommt man jedoch nicht daran vorbei, und immerhin zeigt der Blick auf die jeweiligen Sterblichkeitsraten einen überraschenden Befund.

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Wären die Überlebenschancen der einzelnen Häftlingsgruppen mehr oder weniger gleich gewesen, müssten die schwarzen und die grauen Balken in der Grafik, die den Anteil der Gruppen an der Gesamtbelegung und an den Todesfällen angeben, jeweils gleich hoch sein. Das sind sie jedoch nur bei den polnischen Häftlingen, deren Sterblichkeit demnach dem Durchschnitt entsprach. Bei den anderen Gruppen fallen hingegen große Diskrepanzen auf. Vergleichsweise gering war die Todesrate unter den deutschen Häftlingen, was angesichts ihrer Position an der Spitze der von der SS vorgegebenen Häftlingshierarchie im Lager kaum überrascht. 27 Hingegen war die Todesrate der sowjetischen Häftlinge, die in der SS-Rassenhierarchie sehr weit unten standen, relativ niedrig: Sie stellten fast 30 Prozent an der Gesamtbelegung, unter den Toten waren jedoch weniger als 20 Prozent sowjetische Häftlinge. Besonders auffällig ist der relativ niedrige Wert der Todesfälle bei der Gruppe der Sinti und Roma. Obwohl am Vernichtungswillen der SS kein Zweifel bestehen kann (die meisten Angehörigen der nach Mittelbau-Dora deportierten Sinti und Roma sind in Auschwitz-Birkenau ermordet worden), war der Anteil der Überlebenden unter ihnen höher als bei allen anderen Häftlingsgruppen. 28 Umgekehrt war die Todesrate unter den Franzosen und Belgiern sehr hoch: Einem Anteil von 14 bzw. fünf Prozent an der Gesamtbelegung des Lagers Ellrich-Juliushütte standen über 20 bzw. über acht Prozent aller Toten gegenüber. Ähnliches gilt für die italienischen Häftlinge (die meisten von ihnen waren italienische Militärinternierte, also Kriegsgefangene), die unter einem sehr hohen Vernichtungsdruck litten. 29 Obwohl sie nur gut ein Prozent aller Häftlinge in Ellrich-Juliushütte stellten, lag ihr Anteil an den Toten bei über vier Prozent. Bei den jüdischen Häftlingen (erfasst sind in der Tabelle fast ausschließlich Juden aus Ungarn, die im Sommer 1944 von Auschwitz über Buchenwald und Dora nach Ellrich gebracht wurden) hingegen war der Anteil der Todesfälle zwar überdurchschnittlich, aber nicht so hoch, wie man es angesichts der Vernichtungsabsicht seitens der SS erwarten könnte.

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Generell lässt sich festhalten: Die Sterblichkeit der Westeuropäer und der Italiener war in Ellrich-Juliushütte (wie auch in den anderen Lagern des KZ Mittelbau) deutlich höher als bei anderen Häftlingsgruppen, insbesondere den aus der Sowjetunion stammenden Häftlingen, obwohl diese doch unter einem sehr viel höheren rassistisch motivierten Vernichtungsdruck standen. Dieser Befund deckt sich mit dem aus anderen Lagern, etwa dem KZ Neuengamme oder dem KZ Buchenwald, für die bei den Franzosen eine ähnlich hohe Todesrate zu verzeichnen ist. 30

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Die Gründe für diesen auf den ersten Blick überraschenden Befund lassen sich weniger in ideologischen Vorgaben der SS finden (sonst sähe der Befund anders aus), sondern eher in einem Bündel situativer Faktoren. Ein wichtiger Grund war sicherlich der Zeitpunkt der Ankunft im Lager. Aufgrund der Witterungsbedingungen waren die Überlebenschancen im Winter deutlich schlechter als im Sommer. Da Einlieferungsschübe dem Kriegsverlauf folgten, war die Zusammensetzung neu eintreffender Häftlingstransporte sehr unterschiedlich. Im Sommer 1944 etwa trafen in Buchenwald und damit auch in den Mittelbau-Lagern viele Transporte mit Häftlingen aus Frankreich und Belgien ein, die aus Lagern und Gefängnissen stammten, die nach der Landung der Alliierten in der Normandie geräumt worden waren. Als im Winter 1944/45 die Zahl der Todesfälle in Ellrich drastisch anstieg, befanden sich die Häftlinge aus Frankreich und Belgien bereits seit Monaten im Lager und waren von der Zwangsarbeit schon stark geschwächt. Viele polnische Häftlinge kamen hingegen erst später nach Ellrich, zum einen im Herbst 1944, nachdem der Warschauer Aufstand niedergeschlagen worden war, zum anderen Anfang 1945 mit der Räumung der Konzentrationslager Auschwitz und Groß-Rosen.

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Auch die Frage, ob der Deportation in die Mittelbau-Lager bereits eine längere Haftzeit in einem anderen Lager vorausgegangen war, hatte für die Überlebenschancen eine erhebliche Bedeutung. Eine längere KZ-Erfahrung konnte durchaus dazu beitragen, sich im neuen Lager besser zu behaupten als ein frisch eingewiesener Häftling. Andererseits waren viele Gefangene aber auch durch Vorhaftzeiten körperlich schon geschwächt. Auch die Umstände des Transportes nach Mittelbau-Dora spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Die aus Auschwitz und Groß-Rosen stammenden Häftlinge hatten teils mörderische Fußmärsche und tagelange Bahntransporte in großer Kälte hinter sich, als sie im Januar und Februar 1945 in den Mittelbau-Lagern eintrafen.

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Es ist bei der Beurteilung gruppenspezifischer Überlebenschancen mithin zu berücksichtigen, wann und unter welchen Bedingungen diese Gruppen im Lager eintrafen. Eine wichtige Rolle spielte ferner das Alter der Häftlinge. Die Auswertung einer erhalten gebliebenen Gesamtaufstellung aller Lagerinsassen in Ellrich-Juliushütte vom 1. November 1944 offenbart in dieser Hinsicht einige Auffälligkeiten: Während die sowjetischen Häftlinge dieser Liste zufolge durchschnittlich 26 Jahre alt waren, hatten die Franzosen ein Durchschnittsalter von 31 und die Belgier sogar von fast 33 Jahren. 31 Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man sich die Aufteilung nach Altersgruppen ansieht. Über 70 Prozent der sowjetischen Häftlinge waren zwischen 18 und 30 Jahre alt und damit in einem Alter, in dem die körperliche Widerstandskraft am höchsten ist. Bei den Franzosen und Belgiern war hingegen die Hälfte der Gefangenen über 30 Jahre alt und immerhin noch über fünf Prozent älter als 50 Jahre. Am auffälligsten ist die altersmäßige Zusammensetzung der Gruppe der ungarischen Juden, die nach den Franzosen und Belgiern die höchste Todesrate aufwies: Drei Viertel der ungarischen Juden waren jünger als 20 oder älter als 40 Jahre. 32

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Ein weiterer Grund für die unterschiedlichen Überlebenschancen war in vielen Konzentrationslagern die berufliche Qualifikation. Häftlinge, die eine handwerkliche Ausbildung vorweisen konnten, hatten eher die Chance, einem Produktionskommando zugewiesen zu werden, in dem im allgemeinen bessere Bedingungen herrschten als in den gefürchteten Baukommandos. Allerdings mussten in Ellrich fast alle Häftlinge in Baukommandos arbeiten, völlig unabhängig davon, ob es Russen oder Franzosen waren, weshalb das Kriterium der beruflichen Qualifikation hier keine herausgehobene Bedeutung haben konnte. Es kann aber mit einer gewissen Berechtigung vermutet werden, dass die physische Widerstandskraft bei Häftlingen, die bereits vor ihrer Verhaftung körperlich gearbeitet hatten, größer war als etwa bei Akademikern, deren Anteil unter den Franzosen und Belgiern relativ hoch war.

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Lebensrettend konnte es sein, einen Funktionsposten als Blockältester, Kapo oder Vorarbeiter zu erhalten, was einen privilegierten Zugang zu Verpflegung, Kleidung und besseren Unterkünften mit sich brachte. Außerhalb der Krankenreviere, wo die fachliche Qualifikation eine große Rolle spielte, war der Zugang zu Funktionsposten vor allem solchen Gefangenen möglich, die über Klientelbeziehungen zu anderen Funktionshäftlingen und über deutsche Sprachkenntnisse verfügten, denn sie sollten die Anweisungen der SS ja an ihre Mithäftlinge weitergeben. Die geringe Todesrate der Deutschen in Ellrich ist vor allem auf den Umstand zurückzuführen, dass sie die meisten Funktionsposten stellten. Das gilt auch für manche Sinti und Roma in Ellrich, die ihre Positionen nutzten, um Mithäftlinge aus ihrer eigenen Gruppe zu schützen. 33 Anderen Häftlingsgruppen blieb der Zugang zu Funktionsposten hingegen fast vollständig verwehrt.

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Ein wichtiges Überlebenskriterium ist sicherlich auch die habituelle und soziale Prägung der Gefangenen in der Zeit vor der Verhaftung gewesen. In Berichten von Überlebenden aus Belgien und vor allem aus Frankreich ist immer wieder die Rede vom ausgeprägten Individualismus unter den Häftlingen aus diesen Ländern. 34 Den sowjetischen Häftlingen wird dagegen in diesen Berichten geradezu stereotyp ein ausgesprochenes Kollektivverhalten unterstellt. 35 Bei aller Vorsicht gegenüber Erklärungsmustern, die ethnisch geprägte Verhaltensmuster behaupten, scheint es tatsächlich so gewesen zu sein, dass sich die sowjetischen Häftlinge eher in kleineren oder größeren Gruppen zusammengetan haben, die das Überleben sichern konnten, während viele Franzosen oder Belgier versuchten, auf sich allein gestellt zu überleben. Damit hatten sie in einem Lager wie Ellrich-Juliushütte, in dem unter den Häftlingen angesichts der gezielten Unterversorgung durch die SS ein erbarmungsloser Kampf um Leben und Tod herrschte, kaum eine Chance, sich zu behaupten. Vielen Sinti und Roma hingegen, die bereits lange vor ihrer KZ-Haft gelernt hatten, sich in einer feindlich gesinnten Umgebung durchzusetzen, gelang es, kollektive Überlebensstrategien zu entwickeln. Erleichtert wurde das durch den Umstand, dass viele von ihnen nicht alleine aus dem „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz-Birkenau in den Harz deportiert wurden, sondern zusammen mit Familienangehörigen, auf deren Hilfe und Unterstützung sie zählen konnten.

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Dieser Befund lenkt den Blick weg von den Vorgaben der SS und hin zum konkreten Verhalten der Häftlinge selbst. Je nach Prägung in der Zeit vor der KZ-Einweisung gelang es einigen besser und anderen schlechter, sich auf die im Konzentrationslager herrschenden Bedingungen einzustellen, Bedingungen, die – von der SS vorgegeben – durch einen Kampf auf Leben und Tod und durch die Außerkraftsetzung fast aller ethischen und moralischen Normen gekennzeichnet waren. Und in dieser Hinsicht scheint es, das deuten die Berichte Überlebender an, unter den Häftlingen durchaus gruppenspezifisch unterschiedliche Reaktionsweisen gegeben zu haben, was sich auf die Entwicklung der Todesraten auswirkte.

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Fazit

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Der Blick auf die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Mittelbau-Lagern macht den grundlegenden Unterschied zwischen Bau- und Produktionskommandos deutlich. Während es in letzteren zumindest eine Aussicht auf das Überleben gab, weil ein fachlich qualifizierter Häftling nicht ohne weiteres ersetzbar war, kam die Zuweisung in ein Baukommando einem Todesurteil gleich. Doch vor dem Tod wurde bei minimaler Versorgung ein Maximum an Arbeitsleistung aus den Häftlingen herausgeprügelt. Das galt prinzipiell für alle Häftlinge gleichermaßen. Hierin ist das eigentliche Ergebnis der „Ökonomisierung“ der Lager zu sehen: Die Überlebenschancen der in der SS-Rassenhierarchie höher angesiedelten Häftlingsgruppen glichen sich denen der am Ende der Stufenleiter stehenden Gruppen an. Juden und Franzosen starben in einem Lager wie Ellrich-Juliushütte gleichermaßen, unabhängig davon, ob ihr Tod geplant war oder – wie bei den Franzosen – nur einkalkuliert. Der Gegensatz zwischen den Polen Vernichtung und Arbeit löste sich vor diesem Hintergrund zunehmend auf.

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Die Mittel, mit denen dieses System einer abgestuften Ausbeutung der Häftlinge aus der Sicht der SS und der von der Zwangsarbeit profitierenden Firmen effektiv funktionieren konnte, waren die Selektion und die Segregation. Bau- und Fertigungshäftlinge wurden streng von einander getrennt und nach Möglichkeit in unterschiedlichen Lagern untergebracht. Dabei waren sie ständigen Selektionen ausgesetzt: Mit zunehmender Entkräftung wurden die Gefangenen von Produktions- in Baulager und von dort in Sterbezonen wie die Nordhäuser Boelcke-Kaserne abgeschoben. Im großen und ganzen war dies eine eigendynamische Entwicklung in den Konzentrationslagern, die durch den Kriegsverlauf und wirtschaftliche Erfordernisse von außen gesteuert wurde. Zugleich entsprach sie aber der Logik der SS, die den Gefangenen generell das Lebensrecht absprach und ihre Lebenserwartung von der Leistungsfähigkeit abhängig machte. Die Qualifizierung als eigendynamisch bedeutet jedoch nicht, dass diese Entwicklung quasi automatisch eintrat. Vielmehr waren es konkrete Personen, die das System der räumlichen Trennung der Häftlinge und der gestaffelten Selektionen gezielt gestalteten. Die Vorschläge von SS-Arzt Dr. Karl Groß von Dezember 1943 für den Umgang mit „Arbeitsunfähigen“ im Lager Dora etwa lesen sich vor diesem Hintergrund wie ein Masterplan für die Entwicklung des KZ-Komplexes Mittelbau-Dora.

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Man sollte sich jedoch hüten, die Überlebenschancen der Häftlinge ausschließlich mit Blick auf die Täter und ihre ideologisch oder ökonomisch motivierten Vorgaben zu bewerten. Wie die je nach Herkunft und Haftgruppe unterschiedlichen Todesraten in Mittelbau-Dora zeigen, waren es neben ideologischen vor allem situative Gründe, die dazu führten, dass in einem Lager wie Ellrich-Juliushütte Franzosen unter einem deutlich höheren Vernichtungsdruck standen als sowjetische Häftlinge, und das, obwohl sie auf der von der SS vorgegebenen rassistischen Stufenleiter deutlich höher standen. Entscheidend waren dabei – neben dem Zeitpunkt der Einweisung, dem Alter und der beruflichen Qualifikation der Gefangenen – nicht nur die soziale und habituelle Prägung aus der Zeit vor der Deportation, sondern auch das konkrete Handeln der Häftlinge im Lager. Selbstverständlich darf diese Einsicht nicht dazu führen, dass man diejenigen, die nicht überlebten, für ihr Schicksal selbst verantwortlich macht. Es ist jedoch nötig, die Häftlinge nicht nur als Objekte wahrzunehmen, gewissermaßen als willenlose Opfer, sondern als Akteure, die – wenn auch in sehr begrenztem Rahmen – Handlungsoptionen hatten. Deutlicher formuliert: Es wird Zeit, die KZ-Geschichte nicht nur als Leidensgeschichte zu erzählen, sondern auch als eine von Selbstbehauptung, Eigensinn und Widerstand – und das jenseits heroisierender Legendenbildung, wie man sie aus früheren DDR-Gedenkstätten kennt.

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  1. Zur Geschichte der NS-Konzentrationslager vgl. die noch immer maßgebliche Gesamtdarstellung von Karin Orth, Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsgeschichte, Hamburg 1999. Zur Einführung in die Geschichte der Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern vgl. Jens-Christian Wagner, Work and extermination in the concentration camps, in: Jane Caplan/Nikolaus Wachsmann (Hrsg.), Concentration Camps in Nazi Germany. The new histories, London 2009, S. 127-148; Marc Buggeln, Das System der KZ-Außenlager. Krieg, Sklavenarbeit und Massengewalt, Bonn 2012 (Friedrich Ebert Stiftung, Reihe Gesprächskreis Geschichte, Heft 95).
  2. Vgl. Jan Erik Schulte, Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933–1945, Paderborn 2001, S. 402 (Tabelle 6).
  3. Die Zahlen beruhen auf einer kritischen Auswertung der – z.T. fehlerhaften und unvollständigen – Daten, die Gudrun Schwarz 1990 zusammengetragen hat; vgl. Gudrun Schwarz, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/New York 1990.
  4. Zur Geschichte Mittelbau-Doras siehe die beiden Gesamtdarstellungen von André Sellier, Zwangsarbeit im Raketentunnel. Geschichte des Lagers Dora, Lüneburg 2000, und Jens-Christian Wagner, Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001.
  5. Vgl. Hermann Kaienburg, „Vernichtung durch Arbeit“. Der Fall Neuengamme. Die Wirtschaftsbe­strebungen der SS und ihre Auswirkungen auf die Existenzbedingungen der KZ-Gefangenen, Hamburg 1991; Miroslav Kárny, „Vernichtung durch Arbeit“. Sterblichkeit in den NS-Kon­zentrationslagern, in: Beiträge zur nationalsoziali­stischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 5: Sozialpolitik und Judenvernichtung. Gibt es eine Ökonomie der Endlösung?, Berlin 1987, S. 133–158; ders., „Vernichtung durch Arbeit“ in Leitmeritz. Die SS-Führungsstäbe in der deutschen Kriegswirtschaft, in: 1999, Heft 4/1993, S. 37–61. Ähnlich Gerhard Armanski, Maschinen des Ter­rors. Das Lager (KZ und GULAG) in der Moderne, Münster 1993, S. 72 ff.
  6. Vgl. auch im folgenden Jens-Christian Wagner, Das Außenlagersystem des KL Mittelbau-Dora, in: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hrsg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S. 707–729, hier S. 720.
  7. Aufzeichnung Thieracks über ein Gespräch mit Himmler am 18.9.1942, Nürnberger Dokument PS-654, abgedr. in: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof (IMT) Nürnberg, Bd. 26, Nürnberg 1948, S. 200 ff., hier S. 201.
  8. Vgl. Nikolaus Wachsmann: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat, München 2006.
  9. Vgl. Jens-Christian Wagner, Vernichtung durch Arbeit? „Sicherungsverwahrte“ als Häftlinge im KZ Mittelbau-Dora, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 11, Bremen 2009, S. 84–93.
  10. Directie-generaal Oorlogsslachtoffers, Dienst Archieven en Documentatie, Brüssel, Bestand Ding-Schuler. Dr. med. Ding-Schuler (1912–1945) war als Chef der Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung beim Hygiene-Institut der Waffen-SS in Buchenwald zusätzlich zuständig für die Überwachung der Hygiene auf Baustellen und in den Lagern rund um Nordhausen. Ein Teil des Schriftverkehrs, den er in dieser Funktion als „Hygieniker bei der SS-Sonderinspektion II“ führte, blieb mit seinen Handakten erhalten und gelangte durch einen überlebenden Häftling des Buchenwalder Krankenreviers nach 1945 nach Brüssel.
  11. SS-Sturmbannführer Dr. Karl-Josef Gross (1907–1967) leitete 1943 Impfversuche an Häftlingen im KZ Mauthausen. Nach 1945 betrieb er eine Arztpraxis in Linz; vgl. Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?, Frankfurt a.M. 2003, S. 203.
  12. Schreiben Dr. Karl Groß, Hygiene-Institut der Waffen-SS, an SS-WVHA, Amt D III, 23.12.1943, Directie-generaal Oorlogsslachtoffers, Dienst Archieven en Documentatie, Brüssel, 1546/Ding-Schuler, unpag.
  13. Ebd.
  14. Zum Transport nach Bergen-Belsen vgl. den Bericht des Überlebenden Michel Fliexc, Pour Délit d’espérance. Deux ans à Buchenwald, Peenemünde, Dora, Belsen, Evreux 1946. Etwa 110 der 1000 im April 1944 nach Bergen-Belsen überstellten Häftlinge brachte die SS Ende Juli 1944 als wieder arbeitsfähig nach Buchenwald und teils von dort nach Dora zurück; vgl. Liste Transport Bergen-Belsen – Buchenwald, 29.7.1944, erstellt von Bernhard Strebel, Dokumentationsstelle der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Von den nach Lublin-Majdanek Deportierten überlebten weitaus weniger Häftlinge. Einer von ihnen war André Rogerie, der Anfang Februar 1944 von Dora nach Majdanek und von dort wenig später weiter nach Auschwitz deportiert wurde. Anfang 1945 gelangte er mit den Räumungstransporten aus Auschwitz zurück in das KZ Mittelbau-Dora; vgl. André Rogerie, Vivre c’est vaincre, Paris 1946.
  15. Vgl. Aussage von Dr. Karl Kahr im Dachauer Dora-Prozess 1947, National Archives Washington (NARA), Microfilm Publication M-1079, Roll 8, S. 4692.
  16. Dr. Joachim Mrugowski, Oberster Hygieniker beim Reichsarzt SS, Vermerk für SS-Gruppenführer Kammler, 1.4.1944, Directie-generaal Oorlogsslachtoffers, Dienst Archieven en Documentatie, Brüssel, 1546/Ding-Schuler, unpag.
  17. Zu den Selektionen, die den Transporten vorausgingen, vgl. die Aussage der überlebenden Häftlinge Cecil Francis Jay, 1947, NARA, M-1079, Roll 6, S. 60 ff., und Dr. Jan Čespiva, 1947, ebd., S. 751 u. 829.
  18. Zum Jägerstab vgl. Wagner, Produktion des Todes, S. 101 ff., zum Geilenbergstab ebd. sowie Christine Glauning, Entgrenzung und Kz-System. Das Unternehmen „Wüste“ und das Konzentrationslager in Bisingen, Berlin 2006 (Geschichte der Konzentrationslager 1933–1945; 7), S. 103 ff.
  19. Vgl. Jens-Christian Wagner, Gesteuertes Sterben. Die Boelcke-Kaserne als zentrales Siechenlager des KZ Mittelbau, in: Dachauer Hefte 20 (2004), S. 127–138.
  20. Schreiben Dr. Karl Gross, Hygiene-Institut der Waffen-SS, an das SS-WVHA, Amt D III, 23.12.1943, Directie-generaal Oorlogsslachtoffers, Dienst Archieven en Documentatie, Brüssel, 1546/Ding-Schuler, unpag.
  21. Vgl. Wagner, Produktion, S. 368 u. 476. Zur hierarchisierten medizinischen Versorgung der Häftlinge vgl. Oliver Tauke, Gestaffelte Selektion. Die Funktion der Häftlingskrankenbauten in den Lagern des KZ Mittelbau-Dora, in: Judith Hahn u.a. (Hg.), Medizin im Nationalsozialismus und das System der Konzentrationslager. Beiträge eines interdisziplinären Symposiums, Frankfurt/Main 2005, S. 26–45.
  22. Monatsbericht Häftlingskrankenbau Dora, 23.5.1944, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gerichte Rep. 299/562, Bl. 141 ff.
  23. Vgl. Wagner, Außenlagersystem, sowie ders., Noch einmal: Arbeit und Vernichtung. Häftlingseinsatz im KZ Mittelbau-Dora 1943–1945, in: Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Bernd C. Wagner (Hrsg.), Ausbeutung – Vernichtung – Öffentlichkeit. Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik, München 2000 (Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz; 4), S. 11–41.
  24. Zahlen nach Wagner, Produktion, S. 647 (Anlage 5). Nicht mit aufgeführt sind rund 1000 Häftlinge, die im Januar 1945 bei der Ankunft der Räumungstransporte aus dem KZ Auschwitz tot aus den Waggons geborgen und in das Stärkeverzeichnis des KZ Mittelbau gar nicht erst aufgenommen wurden.
  25. Zahl der registrierten Toten (insgesamt 2971) berechnet nach den Veränderungsmeldungen des Lagers Ellrich-Juliushütte, 2.5.1944-31.3.1945, Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (ITS), Mittelbau-Ordner 22-27, sowie Totenbuch KZ Mittelbau-Dora, 3.10.1943-5.4.1945, DMD, D1e, Bd. 7. Der Anteil der jeweiligen Gruppen an der Lagerbelegschaft war im zeitlichen Verlauf recht unterschiedlich. Die hier für die Gesamtzahl der Häftlinge angegebenen Werte ergeben sich aus dem Mittelwert zweier erhalten gebliebener Gesamtaufstellungen des Lagers Ellrich-Juliushütte vom 1.11.1944 und vom 1.4.1945, abgedruckt in: Jens-Christian Wagner (Hrsg.), Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943-1945. Begleitband zur Ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 68. Unter den Deutschen sind auch Österreicher mitgezählt, nicht aber jüdische Deutsche oder Sinti und Roma. Unter den polnischen Gefangenen sind auch einige Hundert jüdische Häftlinge erfasst, die im Januar/Februar 1945 mit den Räumungstransporten aus Auschwitz in das Lager kamen.
  26. Ellrich-Juliushütte ist das einzige Lager im KZ-Komplex Mittelbau-Dora, dessen Belegungs- und Todeszahlen nahezu vollständig überliefert sind. Für das Gesamt-KZ Mittelbau-Dora liegen dagegen nur unvollständige Zahlen vor. Sie deuten aber an, dass die für Ellrich-Juliushütte ermittelten Werte auf das Gesamt-KZ Mittelbau weitgehend übertragbar sind. Vgl. auch im folgenden Jens-Christian Wagner, Ellrich 1944/45. Konzentrationslager und Zwangsarbeit in einer deutschen Kleinstadt, Göttingen 2009, S. 110 ff.
  27. Die Todesfälle unter den deutschen Häftlingen betrafen weit überwiegend Sicherungsverwahrte (vgl. Wagner, Vernichtung), d.h., bei den nicht als „SVern“ eingewiesenen Deutschen war die Sterblichkeit noch geringer, als es die Grafik suggeriert.
  28. Vgl. Jens-Christian Wagner, Sinti und Roma als Häftlinge im KZ Mittelbau-Dora, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 14, Bremen 2012, S. 99–107.
  29. Vgl. Wagner, Produktion, S. 423 ff.
  30. Vgl. Marc Buggeln, Arbeit Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen 2009, S. 244–246. Das KZ Buchenwald überlebten zwischen 40 und 50 Prozent der französischen Häftlinge nicht; vgl. Vanina Brière, Franzosen im Konzentrationslager Buchenwald, in: Janine Doerry/Alexandra Klei/Elisabeth Thalhofer/Karsten Wilke (Hrsg.), NS-Zwangslager in Westdeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Geschichte und Erinnerung, Paderborn 2008, S. 47-60, hier S. 53 ff. Insgesamt starben rund 40 Prozent der über 86 000 in die deutschen Konzentrationslager deportierten Franzosen; vgl. Peter Lieb, Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, München 2007, S. 306.
  31. Vgl. Gesamtaufstellung Lager Ellrich-Juliushütte, 1.11.1944, DMD, Mikrofilm B 2. Vgl. auch Jens-Christian Wagner, Noch einmal: Arbeit und Vernichtung. Häftlingseinsatz im KL Mittelbau-Dora 1943–1945, in: Norbert Frei u.a. (Hg.), Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik, München 2000 (Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz; 4), S. 11–41, hier S. 30 f.
  32. Zur Bedeutung des Alters für die Überlebenschancen vgl. auch Brière, Franzosen, S. 56.
  33. Vgl. Wagner, Sinti, S. 105.
  34. Vgl. etwa Jean Mialet, Haß und Vergebung. Bericht eines Deportierten, Berlin/Bonn 2006, S. 201 f.
  35. Beispielhaft Serge Miller, Le Laminoir – Récit dun Déporté, Paris 1947, S. 147. Stereotyp sind die Berichte überlebender westeuropäischer Häftlinge über russische und ukrainische Diebesbanden im Lager, die den Westeuropäern Lebensmittel und Kleidung gestohlen und unter sich aufgeteilt haben sollen. Vielfach haben diese Berichte auch einen dezidiert antislawischen, manchmal auch einen antikommunistischen Unterton; vgl. etwa Edgar van de Casteele, Ellrich. Leben und Tod in einem Konzentrationslager, Bad Münstereifel 1997, S. 67 ff. (mit antirussischer Stoßrichtung), oder Miller, Le Laminoir, S. 189 (mit ausgeprägt antipolnischen Passagen).